Kultur : Venedig schlägt Mailand

DieFuturisten-Sammlung Mattioli bleibt im Palazzo. Guggenheim spendiert dafür den Werkkatalog

Bernhard Schulz

Im Jahr 1997 konnte die amerikanisch geführte Peggy Guggenheim Collection einen bemerkenswerten Zuwachs vermelden. Der seit 1973 als „nationales Kulturgut“ eingestufte Teil der Sammlung des Mailänders Gianni Mattioli kam als Dauerleihgabe für zunächst fünf Jahre in den venezianischen Palazzo Venier dei Leoni. Unter den strengen italienischen Gesetzen vor Verkauf ins Ausland geschützt, kam allein eine italienische Einrichtung in Frage. Die alteingesessenen Institutionen versagten jedoch vor der seit vielen Jahren bekannten Aufgabe, dieser Spitzensammlung eine Heimstatt zu bieten, nicht zuletzt die Brera in Mailand. So bot sich Venedig an – ausgerechnet die Stadt, die die Futuristen als Symbol der Vergangenheitssehnsucht gehasst haben!

Inzwischen wurde der Leihvertrag mit der Guggenheim-Stiftung auf Dauer verlängert. In Venedig ist nicht nur eine wechselnde Auswahl aus den 26 Spitzenstücken zu sehen – viel Platz bietet Peggys Palazzo nicht –, es ist auch ihre wissenschaftliche Bearbeitung erfolgt, als deren Ergebnis seit wenigen Tagen ein Werkverzeichnis vorliegt.

So muss ein wissenschaftlicher Katalog aussehen! Jedem der 26 Stücke ist ein eigener Beitrag gewidmet, der Entstehungsgeschichte, Gehalt und Kontext darstellt; erschöpfende Angaben zu Provenienz und Ausstellungen, dazu Bibliografie und Vergleichsabbildungen verstehen sich von selbst.

Mattioli (1903-1977), Baumwollhändler von Beruf, doch eher Künstler von Berufung, gehörte selbst seit 1918 zum Umfeld der Mailänder Futuristen. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der deutschen Besetzung – die er, von der SS verfolgt, unter abenteuerlichen Umständen überlebte – begann Mattioli, parallel zum Wiederaufbau der kriegszerstörten Mailänder Museen seine exqusite Sammlung zusammenzustellen, immer mit dem Ziel, sie eines Tages der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 1953 wurde die Sammlung erstmals ausgestellt, in Florenz, wo vier Jahre zuvor Peggy Guggenheims Sammlung zu sehen war; die Begegnung mit Peggys Schätzen bei der ersten Nachkriegs-Biennale 1948 gab Mattioli den Anstoß, das Profil seiner Sammlung entschieden zu schärfen.

Seit Ende der sechziger Jahre ist die Sammlung auch international ein Begriff, als Mattioli sie auf eine ausgedehnte Tournee schickte. Es kam in Italien zu Bewusstsein, welche Bedeutung diese Sammlung aufwies, für deren Kerngebiete Futurismus und pittura metafisica sich öffentliche Einrichtungen bis dahin allzu wenig engagiert hatten.

Der jetzt vorgelegte catalogue raisonné löst die Verpflichtung ein, die die Guggenheim-Stiftung mit dem Abschluss des Leihvertrages einging. Werke wie Carlo Carràs „Die Galerie in Mailand“ von 1912, Umberto Boccionis „Dynamismus eines Radfahrers“ von 1913 oder Giacomo Ballas „Merkur zieht an der Sonne vorbei“ von 1914 markieren Höhepunkte des Futurismus, dem die Stillleben des Bolognesers Giorgio Morandi aus den Kriegsjahren 1915/16, aber auch Amedeo Modiglianis exquisites „Bildnis des Malers Frank Haviland“ von 1914 gegenüberstehen. Mario Sironis Gemälde, etwa „Komposition mit Propeller“ von 1919, weisen den Weg zur Gruppe Novecento, zu deren Mitbegründern der Maler 1922 gehörte. Insgesamt beleuchten die 26 Werke die Jahre zwischen 1911 und 1921 und negieren damit die übliche, dem Verständnis der italienischen Entwicklung eher abträgliche Trennung zwischen Vor- und Nachkriegszeit.

Gianni Mattiolis Sammlung war stets gedacht als Anregung, als Baustein zu einem umfassenden Museum der italienischen Moderne. Ein solches Haus fehlt in Italien – ungeachtet so bezeichneter Museen in Rom und Mailand – bis heute.

The Mattioli Collection. Masterpieces of the Italian Avant-garde.Catalogue raisonné by Flavio Fergonzi. Skira Editore, Mailand 2003. 446 S., zahlr. Abb., geb. 70 €.

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