Kultur : Venedig sehen und kaufen

Die Sammlung Streit in der Berliner Gemäldegalerie

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Heute ist nur noch schwer vorstellbar, was Sigismund Streit, den Sohn eines Bierbrauers und Hufschmiedes aus Berlin, getrieben hat, als er sich 1708 aufmachte, um zu Fuß nach Venedig zu gehen. Es sollte eine lange und entsagungsvolle Reise werden, auf der er Schnallen, Degen und Mantel versetzen musste und sich von Brot und Wasser ernährte. Als er aber 50 Jahre später den Gedanken fasste, sein beträchtliches Vermögen dem Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster zu vermachen, legte er eine verklärende Bewunderung der Stadt in der Lagune an den Tag, in der er als Kaufmann sein Glück gemacht hatte.

In Berlin wird in diesen Tagen das 250-jährige Stiftungsjubiläum der Schenkung Streits gefeiert. Die Gemäldegalerie am Kulturforum eröffnet eine Ausstellung der Bilder, die er dem Grauen Kloster zusammen mit insgesamt 120 000 Thalern geschenkt hat. Glanzlichter der Streitschen Gemälde sind die vier ständig in der Gemäldegalerie ausgestellten Venedigansichten des älteren Canaletto. Auf einem Werk ließ der Auftraggeber den Palazzo am Canal Grande darstellen, in dem er gewohnt hat, auf einem anderen das Zentrum des internationalen Finanzhandels in Venedig, den Banco di Giro di Rialto, den Ort seiner Tätigkeit. Um die Canalettos sind nun die anderen Gemälde des Stifters versammelt. Allegorien sollten den pädagogischen Auftrag seiner Schenkung verdeutlichen. Weitere Veduten, die der Stifter „extra für das Gymnasium machen ließ“, hatten die Aufgabe, Venedig im Glanz seiner Feste zu rühmen. Streits Schenkung war an den Auftrag gebunden, jährlich an einem sogenannten Stiftergedenktag Reden zu halten, die der Stadt ein Lob singen sollten.

Die Stiftung Streits ist ein frühes Beispiel für privates Engagement in Kultur und Bildung, doch auch symptomatisch für die Macht der Stifter. Mit der Instituierung des Gedenktages versuchte Streit nichts anderes, als der Schule einen kleinen, aber veritablen Venedigkult angedeihen zu lassen. Im Berlin Friedrichs des Großen muss dies als ein trojanisch-republikanischer Stachel im Fleisch des aufgeklärten Staatsabsolutisten empfunden worden sein, auch wenn man die verkrusteten Strukturen der alten Seehandelsrepublik dem damals modernsten Staate Europas kaum noch ernsthaft als Vorbild empfehlen konnte.

Die Annahmeverhandlungen zogen sich über Jahre hin, und letztlich ließ man sich halbherzig auf die Bedingungen ein. Doch noch nach 1800 hielt der eine oder andere Absolvent der Schule flammende Vorträge über die Größe des einst unbesiegbaren Venedig, das nun vor den anrückenden napoleonischen Truppen bedingungslos kapituliert hatte und als Staat nicht mehr existierte. Heiner Krellig

Blick auf den Canal Grande. Venedig und die Sammlung des Berliner Kaufmanns Sigismund Streit, Gemäldegalerie am Kulturforum. Bis 12. Januar 2003

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