• Venero Armanno wirft zwei Städter ins Outback, mitten unter Inzest, bierbäuchige, korrupte Polizisten und gewaltbereite Psychopathen

Kultur : Venero Armanno wirft zwei Städter ins Outback, mitten unter Inzest, bierbäuchige, korrupte Polizisten und gewaltbereite Psychopathen

Venero Armanno: Am anderen Ende der Welt. Roman. L

Dieses Buch ist ein herrlicher Alptraum. Der 40jährige australische Autor mit sizilianischen Vorfahren schickt zwei Städter auf einem klapprigen Pickup ins australische Outback. Joe und Cliff sind den tödlichen Herausforderungen dieser Landschaft nicht gewachsen. Eigentlich wollten sie auf einer "sentimental journey" die Asche von Joes Vater in den Bergen verstreuen. Aber in in Thornhill, am Ende der Welt, geraten sie in Strudel der Gewalt, werden von den Dämonen ihrer Vergangenheit eingeholt.

Eine typisch australische Kleinstadthorrorgeschichte hat die dortige Kritik Armannos Roman genannt - voll der klassischen Zutaten: Inzest, bierbäuchige, korrupte Polizisten, gewaltbereite Psychopathen und ein dubioses Motel, wo es nach Erbrochenem und schalem Sex riecht. Mag sein, daß so etwas downunder zum Standard gehört. Deutschsprachige Autoren verwöhnen ihre Leser selten mit solch deftiger Kost. Armanno wollte seinen Roman, wie er im Interview sagte, "laut, kraß und hart" haben - wie Rockmusik, die er ausgiebig zitiert. Kapitel und diverse Örtlichkeiten des Romans sind nach Songs australischer oder neuseeländischer Rockbands benannt - weil diese Songs "eine bedeutende Rolle in Joe Santos Emotionen spielten, während er dem Autor die Ereignisse dieses Buches schilderte".

Joe und Cliff spielten in einer mittelmäßigen Rockband. Bis Joe den Bandbus besoffen gegen einen Baum fuhr. Dabei verlor ein Bandmitglied sein Leben, Cliff eine Hand und seine Lebensfreude. Joe wanderte eine Zeitlang ins Gefängnis. Seitdem fühlt Joe sich als "jämmerlicher Blindgänger". Cliff hat Joe nie verziehen. Jetzt sitzen die ehemaligen Freunde nebeneinander in einem Pickup, als ein Unwetter über der Wüste niedergeht. Das kann nicht gutgehen und drückt auf die Stimmung. Armanno läßt seine Leser lange über die Vorgeschichte im Unklaren. Das ist sein Trick: Gib dem Leser nur so viele Informationen, wie er braucht. Das hält ihn bei der Stange. Die ganze Zeit ahnt man Furchtbares, das sich dann als noch viel schrecklicher herausstellt. So funktionieren gute Horrorgeschichten.

Als junger Autor möchte Armanno für junge Leute schreiben, das heißt für ihn: bewußt extreme, eindringliche Begebenheiten schildern. Da bieten sich die Archetypen des Horrorgenres an. Aber schon seine Hauptfigur, der Ich-Erzähler Joe Santo, sprengt den Rahmen des Genres. Er ist ein sympathischer Kämpfer, der das Beste will und das Mieseste bekommt. Immer wieder schickt ihn Armanno in Situationen, wo er sich entscheiden muß. Jedesmal wählt er das Falsche, tappt genau in die aufgestellte Falle. Der Leser leidet mit ihm. Das ist der zweite Trick Armannos: Der Leser sieht das Unheil kommen, das mit noch größerer Wucht über Joe hereinbricht, als zu befürchten war.

In Thornhill verliebt sich Joe in die hübsche, zerbrechlich und doch stark wirkende Catherine. Darüber ist Catherines Bruder Isaac wenig begeistert. Ihn und Catherine schweißt ihre unglückliche Kindheit inzestuös zusammen. Als Catherine sich von ihrem Bruder lösen möchte, dreht der durch. Auch Isaac ist eine schillernde Figur: hoch intelligent, pathologisch eifersüchtig, zwischen Freundlichkeit und Brutalität. Ihm ist Joe in keiner Weise gewachsen und wird so zum Opfer von Isaacs brutalen Spielchen.

Armannos Roman ist von der ersten Seite an auf eine fiese Weise gewalttätig. Zunächst findet diese Gewalt unterschwellig statt. Dann folgen Szenen voller physischer wie psychischer Brutalität, die Armanno quälend langsam beschreibt. Am Ende entlädt sich alles in einem furiosen Showdown. Erst hier, auf den letzten Seiten, tappt Armanno in die Genrefalle: Vor lauter Effekten vernachläßigt er die Glaubwürdigkeit. Seine Geschichte nimmt plötzlich höchst überraschende Wendungen. Aber das verzeiht man ihm angesichts von mehr als dreihundert Seiten atemberaubender, dichter Lektüre. Venero Armanno gilt zurecht als Geheimtip.Venero Armanno: Am anderen Ende der Welt. Roman. List, München 1999. 367 S. , 34 DM.

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