Kultur : Veni, vidi - weg

JÖRG KÖNIGSDORF

Es ist vielleicht das Faszinierendste an Händels Opernschaffen, daß sich hier Stil und Obsessionen einer jeden Epoche so klar spiegeln wie sonst nur noch in den Inszenierungen der Werke Wagners und Mozarts.Einen "Don Giovanni" kann man durch genauso viele Bilderwelten jagen wie einen "Tristan" oder eine "Rodelinda", ohne daß die zugrundeliegenden Geschichten dadurch ihren Zusammenhalt und ihre innere Logik verlören.Dazu gehört auch, daß sich jede Epoche andere Schwerpunkte bei der Stückwahl setzt: So haben heute viele Regisseure gerade zu Händels lange vernachlässigter "Alcina" etwas zu sagen, die inzwischen sogar "Giulio Cesare" - jene seit Beginn der Händel-Renaissance in den zwanziger Jahren meistgespielte Oper des Meisters -an Popularität überholt hat.

Auch Herbert Wernicke hatte 1997 in Basel eine "Alcina" vorgelegt und die Zauberin dabei als einsam liebende und scheiternde Frau inmitten einer in Konvention erstarrten Gesellschaft gezeigt.Da scheint es auf den ersten Blick nur folgerichtig, wenn das Theater dem Erfolg nun eine Inszenierung des "Cesare" mit dem gleichen Regisseur nachschiebt.Auf den ersten Blick, denn mit dem privaten Stoff der Alcina (eine Frau lebt ihre Sexualität aus und verliert dadurch das Recht auf gesellschaftliche Anerkennung) hat der "politische" Cesare nur wenig zu tun: Um Machtkämpfe in einem besetzten Land geht es da, um das Zerriebenwerden von Flüchtlingen zwischen den Parteien.Da sind Cornelia, die Witwe des ermordeten Pompejus, und ihr Sohn Sesto in beständiger Lebensgefahr, kämpfen Cleopatra und ihr Bruder Tolomeo mit allen Mitteln um die Herrschaft im Wüstenstaat.Eigentlich ein aktueller Stoff, den Händel durch eine in seiner Zeit unerreichte Charakterisierung nahebringt.Da entwickelt sich Cleopatra von der koketten Intrigantin des ersten Aktes zur leidensfähigen Frau, gehört schon Cornelias tiefverzweifelte Auftrittsarie zum Ergreifendsten, was Händel je schrieb.

In Basel ist davon wenig zu merken.Schon das bewundernswert lebensechte Krokodil, das den Titelhelden zu den Klängen der Ouvertüre über die Bühne jagt, setzt die Zeichen auf Comedy.Keine Menschen, sondern putzige Figuren tummeln sich auf der Bühne: Ein verklemmter Fettwanst in Tropenuniform (Tolomeos Erfüllungsgehilfe Achilla) stellt da einer komischen Alten (Cornelia) nach, eine Bette-Midler-Figur von immerhin entwaffnender Impertinenz (Cleopatra) geht mit ihrem Krokodil auf Männerfang.Den Zuschauer soll das nichts angehen, ihn nur unterhalten.Doch dazu hätte es einer erheblich größeren Einfallsdichte bedurft.Über das Krokodil lacht beim fünfzehnten Auftritt niemand mehr.

Die im Comic-Stil kommentierenden Tafeln, die Cleopatras Berater Nireno in die Luft hält, entwerten die Affekte der Figuren oft im voraus."Sesto schwört zum dritten Mal Rache" kann man darauf lesen, die Figur wird für einen billigen Gag verschenkt, statt in ihrem pubertären Unvermögen charakterisiert zu werden.Der Abend wird lang, denn Comicfiguren können kein vierstündiges Stück tragen.Die Gefühle, auf deren Größe die Länge des Stückes zugeschnitten ist, können sich nicht entfalten, wo ihnen "Einfälle" im Wege stehen: Da singt Cleopatra ihr "Se pietà", eines der emotionalen Herzstücke des Abends, während hinter ihr Cäsars Gehilfen das Bühnenbild des vorangegangenen Aktes auseinanderbauen.

So inszeniert sich Wernicke mit vereinzelten Gags und viel Leerlauf am Stück entlang, behilft sich auf der Bühne mit Ägypten-Zitaten wie dem Stein von Rosette, der einst die Entschlüsselung der Hieroglyphenschrift ermöglichte.Der dient hier als blankpolierte Einheitsspielfläche, ist recht schön und herzlich egal.Dabei erweckt zumindest die musikalische Gestalt, in der der "Cesare" in Basel auf die Bühne gelangt, den Verdacht, als solle hier Neues, Eigenständiges gesagt werden (tatsächlich aber liegt der Basler Händel-Ulk auf der Linie der letzten größeren "Cesare"-Regien).Wernicke und sein Dirigent Michael Hofstetter haben nicht nur etliche Arien fortgelassen, umgestellt und bearbeitet, sondern auch Stücke aus anderen Händel-Opern eingefügt.Zur geschlossenen Aussage fügt sich das nicht, vielmehr zeigt sich, wie sehr die Wirkungskraft der Händelschen Arien auch von ihrer - hier mißachteten - Positionierung im Stück abhängt, wie sorgfältig die Affektwechsel in Wahrheit aufeinander abgestimmt sind.

Doch Hofstetter joggt ohnehin mit einem Gestus pauschaler Lockerheit durch die Partitur, als sei alles eins.Format und großen Atem hat das nicht, der Kontakt zum Bühnengeschehen bleibt oft nur ungefähr gewährleistet.Dabei ist ein Theater wie Basel auf das Funktionieren der Eckpfeiler Dirigat und Regie angewiesen, denn nur ein stimmiges Konzept kann vergessen machen, daß die Sänger eben doch nur Stadttheaterniveau besitzen.Cleopatra (Sonia Theodoridou) und Cornelia (Leandra Overmann) haben immerhin Charakter einzubringen, während Garciela Arayas Caesar mit den tiefliegenden Koloraturen der Titelpartie einige Mühe hat und auch darstellerisch blaß bleibt.Nach dem furiosen Saisonstart mit Castorfs "Otello" eine herbe Enttäuschung, die zeigt, daß der Traum vom großen Theater auch in Basel mit jeder Produktion neu eingelöst werden muß.

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