Kultur : Venusfalle

Rolf Brockschmidt

Jean Baptist Warnke ist Gesandter an der niederländischen Botschaft in Lima, glücklich verheiratet, zwei nette Kinder, kurzum, alles scheint in bester Ordnung zu sein. „Warnke sieht jünger aus, als er ist, und ihm ist klar, dass er dafür bezahlt wird, nichts zu tun.“ So schreibt Arnon Grünberg lakonisch über seinen Diplomaten, den tragikomischen Helden seiner Novelle „Gnadenfrist“, die der Verlag als Roman ausgibt. Grünberg steht für absurde Konstellationen, für Banalitäten des Alltags, die zu bizarren Katastrophen führen können. Grünbergs Blick auf das Diplomatenleben in Peru ist durchzogen von milder Ironie, der Botschafter ist ein Depp, der mit Vitaminpräparaten handelt und vor allem daran interessiert ist, ob der Minister gerne Grillfleisch isst. Und dann ist da noch das Kulturzentrum zur Erforschung der indianischen Sprachen, das die braven Niederländer bezahlt haben.

 Zum Thema Tagesspiegel Online: Leipziger Buchmesse
 Service Online bestellen: "Gnadenfrist"
Doch das alles interessiert Warnke nicht, er übt sich in Unauffälligkeit – bis er die junge Peruanerin Malena kennen und lieben lernt. Wie ein Primaner tappt er in die Venusfalle, ohne auch nur zu ahnen, auf was er sich einlässt. Sein Leben beruhe auf einem Irrtum, denkt er, und Malena biete die Erlösung. Aber dazu kommt es nicht. Die Besetzung der japanischen Botschaft in Lima bringt Warnkes Leben völlig durcheinander.

Diplomaten haben in niederländischen Romanen Tradition, F. Springer schreibt aus eigener Erfahrung, und auch „Hoffmanns Hunger“ von Leon de Winter gewährt tiefe Einblicke. Grünberg tuscht eloquent die Karikatur eines Diplomaten hin, dem man gerne folgt – auch wenn man schon früh Böses ahnt. „Gnadenfrist“ ist ein schnelles, witziges Buch über eine gescheiterte Existenz.

Arnon Grünberg. Gnadenfrist. Roman. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Diogenes Verlag, Zürich. 154 Seiten. 17,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben