Vera Lourié und ihre "Briefe an dich" : Alles bleibt unendlich weit

Die Russin Vera Lourié lebte bis zu ihrem Tod 1998 weitgehend unbemerkt in der deutschen Hauptstadt. Jetzt erscheinen ihre Erinnerungen an das russische Berlin der 20er Jahre.

Hannes Schwenger
Goldene Zwanziger. Ball russischer Künstler in Berlin. Vera Lourié sitzt in der ersten Reihe (4.v.l.).
Goldene Zwanziger. Ball russischer Künstler in Berlin. Vera Lourié sitzt in der ersten Reihe (4.v.l.).Foto: Berlinische Galerie/Schöffling

Sie war, schrieb die Slawistin Elisabeth Cheauré 2002 lapidar, „ein Mensch, der viel erlebt und erfahren hat“. Die Lebenserinnerungen der 1998 in Berlin gestorbenen russischen Dichterin Vera Lourié erreichen erst jetzt als Buch die Öffentlichkeit. Ihre Existenz war aber schon bekannt – dank Funk- und Fernsehfeatures von Doris Liebermann. Auch Fritz Mierau erwähnte sie 1987 in seinem Standardwerk „Russen in Berlin“.

Lourié hatte nach ihrer Flucht aus St. Petersburg 1921 für die Exilzeitung „Dni“ geschrieben, die der vor den Bolschewiki geflohene Alexander Kerenski herausgab. Was sie nicht hinderte, in Berlin mit Landsleuten wie Ilja Ehrenburg und Sergej Jessenin Kontakt zu halten, die Sowjetbürger geblieben waren. Als staatenlose Russin in Berlin überlebte sie nicht nur die sieben Jahrzehnte der Sowjetunion, sondern als Halbjüdin auch die Nazijahre.

Von alledem handelt ihr von Doris Liebermann herausgegebener Lebensbericht „Briefe an Dich“. Der Titel erinnert an das Berlin-Buch von Louriés Landsmann Viktor Sklovsky „Zoo oder Briefe nicht über die Liebe“, das in 30 fiktiven Briefen begründet, warum der Autor nicht in Berlin blieb. Ihre eigenen Briefe, 60 Jahre später geschrieben, erzählen tatsächlich Briefe von der Liebe – einer späten, unerwiderten Liebe zu einer Freundin, der sie ihre Überlebensgeschichte erzählt, weil ihr Gefühl „so stark ist, dass es zu einer Energie führt, welche einen Ausweg in einem Gedicht oder bei einer ins Leben gerufenen Erinnerung sucht.“

Obwohl die beiden sich während der Niederschrift jede Woche sahen – Reinhild H. war die Frau von Louriés Hausarzt und brachte ihr regelmäßig Medikamente –, wurden die Briefe nie abgesandt. Erst 1989 konnte sich Vera Lourié dazu entschließen. „Wenn Du sie gelesen hast, wirst Du vielleicht verstehen, was Du mir bedeutest.“

Als Dichterin kam sie bei ihren Landsleuten nicht an

Dabei verheimlicht sie nicht, was ihr andere bedeutet hatten: etwa die Liebe zu ihrem umschwärmten Dichtervorbild Andrej Belyi, dem sie nach dem Zeugnis eines Freundes „ihre Seele hinzugeben“ bereit war, „aber diesem bereitete es ein sadistisches Vergnügen, sie zu ignorieren“. Oder, in ihren eigenen Worten, die „tragisch beendete Romanze“ mit ihrem Verlobten, einem geschiedenen russischen Anwalt, die mit seinem Tod im KZ Dachau endet und sie zeitweise in Gestapohaft bringt.

Als Dichterin hat sie bei ihren Landsleuten nicht reüssiert, obwohl sie, kaum 20-jährig, in Petersburg einer Poetengruppe mit dem Namen Tönende Muschel angehörte. Keiner der 86 russischen Exilverlage in Berlin fand sich bereit, ihre Gedichte zu verlegen. Louriés einziger Gedichtband „Stichotvorenja“ erschien 1987 in einer Reihe der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz.

Ilja Ehrenburg, so berichtet sie, habe sie als Dichterin nicht ernst genommen und sich auch über sie als Rezensentin lustig gemacht. Als er sie mit Jessenin zusammenbrachte, dessen Poem „Pugatschow“ sie verrissen hatte, war ihr das peinlich. „Jessenin sagte mir lächelnd: ,Ich finde, dass ihre Kritik sehr ungerecht war. Es ist ein schönes Poem.’ Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken.“ Trotz solcher Anekdoten aus den 20er Jahren ist ihr Buch gewichtiger als Bericht vom Überleben im Berlin der 30er und 40er Jahre – bis zur „Befreiung“ durch ihre sowjetischen Landsleute. Doch sie versteht es, ihre Sprachkenntnisse zum eigenen und zum Schutz der Nachbarn einzusetzen, die sie vorschicken, um Übergriffe abzuwenden. Sie solle „um Gottes willen“ versichern, dass man russische „Ostarbeiter“ immer gut behandelt habe.

Sie weiß es besser: „Lügen werde ich nicht!“ Das bleibt ihr zum Glück auch erspart. Noch mehr Glück hat ein Exilrusse aus ihrer Nachbarschaft, der bei den Sowjets denunziert und verhört wird, sich aber herausreden kann. Mit ihm organisiert sie Schwarzmarktgeschäfte, bei denen sie dreimal ertappt und von einem deutschen Kriminalbeamten erpresst wird. Jedes Mal sei ihr nichts anderes übrig geblieben, „als noch mehr zu schieben“. Erst nach der Währungsreform gelingt es ihr, mit Sprachunterricht wieder Geld zu verdienen, „10 Mark für eine Stunde“. Louriés Aufzeichnungen schließen mit einem Berlin-Gedicht in deutscher Sprache, das noch einmal die Erinnerung an ihre ersten Jahre in der Stadt und die „Romanze“ mit Alexis beschwört. „Mit einem traurigen Blick... Nichts kehrt zurück, alles bleibt unendlich weit.“

Vera Lourié: Briefe an Dich. Erinnerungen an das russische Berlin. Hg. von Doris Liebermann. Schöffling und Co, Frankfurt a.M. 2014. 260 Seiten, 22,95 €

0 Kommentare

Neuester Kommentar