Kultur : Verabredung mit Indiana Jones

Sinn fürs Spektakel: Unterwasserforscher Franck Goddio ist der Mann hinter der Ägypten-Show im Martin-Gropius-Bau

Christina Tilmann

Liebevoll, fast begehrlich ruhen seine Augen auf der Statue. Es ist eine ägyptische Göttin, die Brüste sind fast enthüllt, das Kleid klebt am Körper. Eine Isis ist es nicht, dazu müssten der kopflosen Statue zumindest die Locken einer Perücke auf die Schultern fallen. Aber eine Göttin ist es, eine Meer- und Schaumgeborene, fast zwei Jahrtausende vor Botticellis Venus.

Franck Goddio, der französische Unterwasserarchäologe, erzählt, wie sie die Göttin aus den Fluten zogen, dort in Ägypten, in der Bucht von Abukir: „Das Wasser strömte an ihr herab, das Gewand schien nass an ihrem Körper zu kleben – das war schon atemberaubend.“ Man spürt noch heute, wie sein Atem schneller ging bei diesem Fund.

Sage niemand, Unterwasserarchäologie sei keine Frage der Leidenschaft. Eine Leidenschaft, die den ehemaligen Finanzexperten Franck Goddio seit über zwanzig Jahren antreibt, die ihn nach China und Ägypten geführt hat und auf das Cover von Wissenschaftsmagazinen in aller Welt. Und nun auch nach Berlin: Am Donnerstagmorgen eröffnet Bundespräsident Horst Köhler gemeinsam mit Ägyptens Staatspräsident Husni Mubarak im Martin-Gropius-Bau die Ausstellung „Ägyptens versunkene Schätze“ mit fast 500 Exponaten, die Goddio aus dem Wasser vor der ägyptischen Küste zog. Ab Sonnabend ist sie fürs Publikum zugänglich. Zu sehen sind die Überreste der versunkenen Städte Heraklion und Kanopus: monumentale Pharaonen- und Götterstatuen, Stelen, Köpfe, Münzen und Grabbeigaben, auch jene schöne Göttin ohne Kopf. Spektakuläre Funde, spektakulär groß, spektakulär gut erhalten.

Sinn fürs Spektakel hat der französische Archäologe, der gelegentlich auch als „Indiana Jones“ bezeichnet wird, durchaus. So inszeniert er auch die Berliner Ausstellung, eine Weltpremiere, als Erlebniswelt, mit großformatigen Fotos der Unterwasserstadt und Meeresrauschen als Klanginstallation dazu. Den klassischen Archäologen hat es nicht immer gepasst, dieses Spektakuläre, Sensationelle, das der 58-jährige Goddio auch verbreitet, neben der Begeisterung des leidenschaftlichen Laien. Archäologie hat der in Casablanca Geborene, in Paris und Madrid Lebende nicht studiert, im Gegenteil, eine klassische Finanzkarriere hingelegt, mit Studium an einer Pariser Grande Ecole, Engagement bei den United Nations in New York, Aufträgen in Südostasien und Saudi-Arabien und schließlich einem Angebot der Weltbank, das er 1980 abgelehnt hat.

Ein Jahr Auszeit hat er sich damals gegönnt – und eine völlige Neuorientierung. Ganz fremd waren Franck Goddio das Meer und die Schiffe und auch die fremden Länder nicht. Sein Großvater, Eric de Bisschop, wanderte nach China aus, erfand in den 40ern eine Art Katamaran, segelte mit einem Floß von Chile nach Tahiti – und ertrank auf der Rückfahrt. Der Enkel hat ihn nie kennen gelernt, doch den Sinn für Exotik, für Geschäfte und für das Meer hat er von ihm geerbt. Auf den Philippinen wurde er Anfang der 80er zuerst fündig, entdeckte in 57 Metern Tiefe eine Dschunke aus dem 16. Jahrhundert und später die „Royal Captain“, ein Handelsschiff der britischen East India Company. Doch der richtige Erfolg kam in Ägypten: 1996 fand Goddio das Hafenviertel des antiken Alexandria, samt Palast der Kleopatra, vier Jahre später die Städte Heraklion und Kanopus, aus denen die herausragenden Stücke in der Berliner Ausstellung stammen.

Nun führt der schmale, agile Franzose, der gut zehn Jahre jünger wirkt, als er ist, in Berlin durch seine Funde und redet wie ein Wasserfall. Kein Wunder, dass er staatliche Behörden, Museumsleute, die Sponsoren der Liechtensteiner Hilti-Stiftung und die strengen Archäologen in Ägypten überzeugen konnte, ihm seine kostspieligen Expeditionen zu finanzieren und zu gestatten. Streng wissenschaftlich geht es zu, in Zusammenarbeit mit der Universität Oxford. Und doch: Ein gesundes Maß Schatzgräberei ist immer dabei, wenn man Goddio erzählen hört, von den mit Muscheln und Sand verkrusteten Statuen, die sie in Ägypten aus sieben Meter Tiefe zogen, von den Statuen und Götterschreinen, die die vergessene Stadt Heraklion wieder zum Vorschein brachten. Die größte Stele der Welt ist dabei, rund 15 Zentner schwer, und ein Teil eines Granitschreins, der ein im Louvre gehütetes Fragment bestens ergänzt. Der Text darauf erzählt einen Mythos: die Erschaffung der Welt aus ägyptischer Sicht. Darunter macht es ein Franck Goddio nicht.

Ägyptens versunkene Schätze, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 13. Mai bis 4. September, Katalog 29 Euro, Informationen unter www.aegyptens-versunkene-schaetze.org

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