Kultur : Verbeult vom Leben

ULRICH DEUTER

Der berühmte Chirurg Bruch wartet auf den Wagen seiner Klinik, der ihn zum OP chauffiert.Doch der Wagen kommt nicht, schon seit einem halben Jahr nicht mehr.Bruch ist ausgemustert, krank.Er kann nicht mehr operieren.Aber das weiß der alte Mann nicht.Er lebt in dem Wahn, tagtäglich zum Wohle der Menschheit das Messer zu führen.

Bruchs Vorbild, Ernst Ferdinand Sauerbruch (1875-1951), war ein Jahrhundertarzt, die Medizin verdankt ihm bahnbrechende Neuerungen.Bis 1949 war er chirurgischer Direktor der Berliner Charité, dann verfiel er rasch an den Folgen einer Zerebralsklerose - nicht ohne zuvor einige schreckliche Kunstfehler begangen zu haben.Sein Bühnenpendant Theodor Bruch besitzt viel von ihm, vor allem die joviale Selbstherrlichkeit des Allesvollbringers, das ungebrochene Pathos des Arztes.Darüber hinaus aber ist Bruch eine typische Hein-Figur: der Idealist, verbeult von der Wirklichkeit.Ob Heins historische Bühnengestalten wie Cromwell oder Lassalle, ob seine Romanfiguren aus dem "Fremden Freund" oder dem "Tangospieler" - sie sind alle vom Seil Gefallene, gescheiterte Bessermacher.Auch Bruch begreift nicht, daß seine Zeit vorbei ist; Pensionierung wie Pension ignorierend, lebt er im Nachkriegsberlin auf eingebildet großem Fuße vom Sparbuch seiner Haushälterin, die Tausender im Safe sind Reichsmark, verfallenes Geld.Für kurze Zeit leuchtet er noch einmal im Schein alter Größe, als ein Ex-Assistent und ein windiger Finanzier den berühmten Mann als Aushängeschild für eigennützige Klinikbaupläne benutzen.Die Pläne scheitern, am Ende operiert Bruch, im Bewußtsein jahrzehntelanger Unfehlbarkeit, eine junge Frau ohne Narkose im Badezimmer.Die Patientin stirbt - für Bruch nicht viel mehr als ein Beleg für seine ärztliche Treue: "Ein Notfall.Und Bruch kneift nicht, wenn er gefordert ist."

Eine kleine Geschichte, die die Last fremder Bedeutung trägt.Wen meint Hein? Der Pfarrerssohn und erste gesamtdeutsche PEN-Präsident, soviel steht fest, liebt Figuren, die an einer Aufgabe tragen und am Ende von den Verhältnissen ins Aus gestellt werden.Was interessiert ihn am längst vergessenen Sauerbruch? Dessen Vita, etwa seine Rolle in der Nazi-Zeit, offenbar nicht.

Christoph Hein probiert auf dem Theater - anders als in seiner Prosa - gern Chiffren und Parabeln.Die Stücke seiner DDR-Zeit waren Anspielungen auf gescheiterte Revolutionshistorie, "Randow" von 1994 verbandelte das gesamte deutsche Vereinigungspersonal.Ist auch "Bruch", die Senilitätstragödie, als politisches Drama gemeint? Hein selbst gab jüngst in einem Interview eine bemerkenswerte Anregung: Die Egozentrik sei bei (Sauer-)Bruch Motor für Größe und Scheitern, Parallelfiguren seien Napoleon - und Helmut Kohl.

Die Düsseldorfer Uraufführung enthält sich jeder politischen Interpretation, so gesehen glücklicherweise.Und stellt nur auf die Dramatik und den Witz ab, die durch die Tragikomik der Demenz entstehen.Tatsächlich bietet das Stück zahlreiche, in diesem Sinne gut funktionierende Dialoge: Bruchs Wahn gegen die Wirklichkeit.In einer nachkriegsbedingt heruntergekommenen, großbürgerlichen Halle (Karl Kneidl), in der Liebermanns Sauerbruch-Porträt überm Kamin hängt, läßt Regisseurin Anna Badora eine Salonkomödiantentruppe auf- und abtreten, die Herren eilen dynamisch, stoppen energisch und stechen gebieterisch den Finger in die Luft - einschichtige Figuren mit der verbrauchten Gestik der Gesellschaftskomödie.Daneben die Haushälterin, Frau Kubin, als weiblich-praktisches, trocken-komisches Kontrastelement sowie eine vor Operierungswünschen ganz kugelig-frische junge Frau.Gewiß, dies ist eine Komödie, aber auch ein blutiger Irrwitz.Eine Thomas-Bernhardiade hätte es werden können, werden müssen - Bruch, der Heilkünstler, als Heilkunstvernichter, mißbraucht von seinen Schranzen.Hein ist schon wenig eingefallen, Badora arrangiert nur das Nächstliegende.Ganz zaghaft zeigt sie in Erinnerungstanzszenen die Trauer einer vergangenen, größeren Zeit, erwähnt die Möglichkeit einer Liebschaft zwischen Bruch und Kubin.Und gibt dann den Regiestab an Anke Hartwig ab, die die Haushälterin zur inszenierungsbestimmenden komischen Nudel aufdampft.Was ihr glänzend gelingt.

Aber das wäre eine andere Geschichte.

Düsseldorf, wieder am 4.März.

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