Kultur : Verborgene Sinnschichten

Jörg Königsdorf

Der konservative Teil des Opernpublikums sei vorsorglich gewarnt: Allmählich fängt auch das Musiktheater an, den Begriff des Werkganzen zu hinterfragen und am Dogma der Unantastbarkeit der Partitur zu rütteln. Und wer weiß, ob es in zwanzig Jahren nicht gang und gäbe sein wird, die Opern Mozarts, Wagners und Verdis in ihre Bestandteile zu zerlegen, um ihre verborgenen Sinnschichten zu entdecken? Die Signale in dieser Hinsicht sind jedenfalls unüberhörbar. So ist derzeit vor allem die Barockoper das Experimentierfeld für alle Musiktheater-Innovatoren: An der Komischen Oper basteln Sebastian Baumgarten und Thomas Hengelbrock derzeit an Händels Pasticcio „Orest“ (Premiere 26.2.), und auch bei den Cadenza-Barocktagen der Staatsoper wird munter dekonstruiert: In Alain Platels auf das Kürzel „vsprs“ zusammengeschnurrtem Projekt über Monteverdis „Marienvesper“ (1.–3.3.) und in der von Sasha Waltz aufs Doppelte der ursprünglichen Länge ausgeweiteten Version von Purcells „Dido and Eneas“, die nach dem Erfolg im vergangenen Jahr nun wieder aufgenommen wird (27./28.2.).

Und auch Thomas Ostermeiers Schaubühne macht mit einem Gastspiel mit: Derzeit ist dort die Produktion zu sehen, die der ungarische Regisseur David Marton auf der Grundlage von Henry Purcells Halboper „The fairy queen“ im Januar für die Sophiensäle erarbeitete (20.,23./24. u.26./27.2.). In Martons Version erfüllen sich Straßenmusiker einen Traum und spielen Purcell: Verjazzt und gepfiffen, mit Synthesizer, Okarina und allem, womit sie sonst so ihr täglich Brot verdienen. Laut Tagesspiegel „überwältigende Augenblicke großer Kunst“.

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