Verbotene Bilder : Zofen und Zoten

Beide Künstler attackieren den guten Geschmack: "X-rated" -Verbotene Bilder von William N. Copley und Andreas Slominski im Me Collectors Room.

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Liebe auf bürgerlichem Karo. Das 1973 entstandene Gemälde von William N. Copley „Monsieur Verdou“ misst monumentale 152,4 mal 243,8 Zentimeter. Foto: Katalog
Liebe auf bürgerlichem Karo. Das 1973 entstandene Gemälde von William N. Copley „Monsieur Verdou“ misst monumentale 152,4 mal...Foto: Katalog

Seine riesige Ausstellungshalle als gigantisches Boudoir. Das scheint nach dem Geschmack des Sammlers und „Augenmenschen“ Ernst Olbricht zu sein, der vor bald einem Jahr in der Auguststraße das eigens für die Kunst gebaute Haus bezog. Der Start misslang. Der aus Essen nach Berlin umgesiedelte Wella-Erbe und Mediziner erlebte einen Hauptstadt-Empfang der anderen Art: Der kantigen Architektur wurde der Charakter eines Bunkers nachgesagt, der sich brachial neben die Barockfassade der benachbarten Kunstwerke dränge. Die Erstpräsentation fiel durch.

Bereits die Bezeichnung „me Collectors Room“ für das Ausstellungshaus mit seinem großen Gastro-Bereich im Eingang stieß auf Widerstand. Das „me“ wurde prompt narzisstisch interpretiert, nicht als Abkürzung für „moving energies“ gelesen, wie eigentlich gemeint. Die Adresse bleibt trotzdem interessant – als Ort, zu dem die Kunst-Community zunächst auf Abstand ging, der sich noch entwickeln kann. Das Laufpublikum kommt ohnehin.

Nun also ein neuer Anlauf mit William N. Copley und Andreas Slominski . Und das könnte die Wende sein. Den amerikanischen Maler, der 1996 kurz vor seinem Tod in der Kestner-Gesellschaft Hannover eine Retrospektive erhielt, kennt man in Europa kaum. Seine süffigen Szenen, in denen es eigentlich nur um das Eine geht – Pin-ups und Copleys Alter Ego, ein Mann mit Bowler-Hut, beim frivolen Spiel – tauchen eher selten auf. Der Autodidakt, der die drastische Erotik der Surrealisten mit der unmittelbaren Darstellungsweise der Pop-Art verband, ist noch immer ein Geheimtipp für Sammler und ein Künstler für Künstler. Nun aber zeigt die Sammlung Olbricht eine so gut wie unbekannte Serie seines Werks, eine doppelte Entdeckung, wohl eher: Enthüllung.

Die Reihe „x-rated“ war nur einmal, 1974, in den gediegenen, holzgetäfelten Räumen des New Yorker Cultural Center, ausgestellt, danach verschwanden die Bilder sogleich wieder in der Versenkung. So viel Sex auf Leinwand war damals, in der Hochzeit der Feminismusdebatte, verpönt. 2010 gab sie der Nachlass erstmals wieder für eine Präsentation in der Paul Kasmin Galerie in New York frei. Und damit wendete sich das Blatt.

Nicht die Bilder haben sich geändert, sondern der Blick. Erst jetzt sehen wir ohne moralisches Magengrimmen, was Man Ray dem Freund aus Pariser Tagen von Anfang bescheinigte: die „pursuit of joy and of liberty“, die Liebe zum Leben, die auf den „x-rated“-Bildern besonders deftig ausfällt. Es stimmt, die Gemälde sind nicht jugendfrei, wie der Titel verrät, und ja, die Werke entstanden auf der Grundlage von Pornomagazinen. Trotzdem ist es großartige Malerei. Die Bilder sind laut, frech, unbekümmert. Frauen mit Torpedobusen räkeln sich offensiv, lassen sich von hinten nehmen, schleudern dem Betrachter schaukelnd ihre Schläppchen entgegen, von der Delikatesse eines Poussin weit entfernt.

Die Darstellung ist simplifiziert wie im Comic, die einfachen Formen sind klar konturiert, die ganze Anmutung erscheint naiv. Bei Copley wiederholt sich das Rousseausche Phänomen ein halbes Jahrhundert später noch einmal. Auch Henri Rousseau, ebenfalls Autodidakt, war mit seinen Urwaldbildern vor allem bei Künstlern beliebt, Picasso etwa sammelte ihn. Bei beiden wird das Ursprüngliche, Kraftvolle geschätzt, kombiniert mit einer geradezu kindlichen Sicherheit im Stil. Die „x-rated“-Serie ließe sich genauso als eine einzige Stoffmusterschau betrachten: Karos, Streifen, Blümchen treffen munter aufeinander, dass es jedem Textildesigner zur Freude gereicht. Der große Matisse machte es ebenso.

Doch was bei Copley, dem malenden Lebemann, funktioniert, schlägt bei Andreas Slominski um ins Gegenteil. Dem Feingeist nimmt man die Vulgarität nicht ab, sie erscheint als Krampf. Die Künstler miteinander zu kombinieren, bietet sich an – zumal Olbricht Werke von beiden besitzt. Für Slominski ist der hintere Raum reserviert, den der Besucher durch eine Markisenüberdachung betritt. Auch der Berliner Künstler, als Fallensteller und Umwegsucher beim gediegenen Museumspublikum beliebt, bediente sich für seine Werkgruppe „xyz.erotic.vol“ bei Pornomagazinen als Vorlagen. Und auch er überzieht schamlos mit seiner gesprayten Acrylmalerei auf Polystyrol, indem er den flüchtigen Duktus von sexistischen Toilettengraffitis adaptiert. Da fechten zwei Edelmänner mit ihren Schwänzen, dass es nur so spritzt; Papi schaut sich im Fernsehen Schweinkram an, während Mutti von hinten drohend mit dem Nudelholz naht.

Besteht Slominskis Falle diesmal in der gezielten Unappetitlichkeit? Copley ist der Hautgout durch den zeitlichen Abstand verziehen. Bei Slominski aber provozieren die Verstöße gegen den guten Geschmack durch die Nähe zur Gegenwart umso mehr. Genau das aber macht den Vergleich interessant, denn beide Künstler kultivieren das bad painting, das es naturgemäß in seiner jeweils eigenen Zeit schwer hat. Schließlich revoltiert der Erschaffer „schlechter“ Bilder gegen die gerade angesagte Malerei, wenn auch nicht immer gezielt. Copley ging als Künstler unbeirrt von den Moden seinen Weg. Im Leben gelang dem Adoptivsohn eines Medienzars, gescheiterten Galeristen und sechsfachen Ehemann diese Gradlinigkeit nicht unbedingt.

Slominski aber schlägt mit seiner Attacke eine weitere Volte. Pendelt er „zwischen Wahnsinn und Folklore“, wie Dirk Luckow, Chef der Hamburger Deichtorhallen vermutet? Oder ist es „eine stolze, fast schon unerschrockene Gleichgültigkeit gegenüber Geschmacksfragen“, wie ihm Massimiliano Gioni, Kurator der vierten Berlin-Biennale, attestiert? So viel steht fest: Betrachter sollten sich mit Humor wappnen. Denn bad painting ist selten wirklich ernst gemeint. Spaß haben dagegen erlaubt.

Me Collectors Room, Auguststr. 68; bis 8. Mai, Di-So 12-18 Uhr.

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