Kultur : Verbrannte Brücken

Ein Jahr nach dem Tod von Elliott Smith erscheint jetzt sein letztes Album

Nadine Lange

Die Welt hat nur einmal kurz den Kopf gehoben, als Elliott Smith durchs Bild gelaufen ist. Das war am 23. März 1998: Der Musiker kam mit einer Akustikgitarre auf die Bühne des Shrine Auditoriums in Los Angeles und spielte den Song „Miss Misery“, den er für Gus van Sants Film „Good Will Hunting“ geschrieben hatte. Völlig überraschend war das Stück für den Oscar nominiert worden und Smith durfte bei der Verleihungszeremonie auftreten. Gewonnen hat dann allerdings Céline Dion mit ihrem „Titanic“-Hit „My Heart will go on“.

„Es war surreal. Ein Traum. Allerdings der Traum von jemand anderem“, sagte Smith hinterher. Er war ein Außenseiter. Das war die Rolle, auf die er seit seiner Kindheit in Texas festgelegt war. Niemals hätte dieser vernarbte und tätowierte Kerl, der lange in einer Rockband gespielt hatte, in Hollywood mitspielen können oder wollen. Daran änderte auch der neue Plattenvertrag nichts, den er als Folge seines Oscar-Auftritts mit Steven Spielbergs Dreamworks-Label abschloss. Und so hatte die Welt ihn längst wieder vergessen, als er im August 1998 seine vierte Soloplatte „XO“ veröffentlichte. Sie verpasste ein fragiles Kunstwerk bestehend aus schmerzhaft schönen Melodien und finsteren Texten. Smith Bewunderung für die Beatles, Bob Dylan und die Beach Boys war deutlich zu erkennen, verführte ihn jedoch nicht zu Epigonentum. Er schuf seine eigene Formel zum Ausdruck von Traurigkeit, Verlust und Hoffnung.

Hier kämpfte jemand mit engelhafter Stimme gegen eine Übermacht von Dämonen: die Drogen, die Erwartungen der Mutter, die traumatische Psychiatrie-Erfahrung und immer wieder die Geliebten, die nicht blieben. Elliott Smith hat diesen Kampf noch fünf Jahre weitergeführt. In seinen Liedern kommen immer wieder Soldaten vor. Doch irgendwann hat er die Waffen sinken lassen und sie dann gegen sich selbst gerichtet. Am 21. Oktober 2003 wurde der Sänger und Songwriter tot in Los Angeles gefunden – in der Brust eine klaffende Stichwunde, die er sich höchstwahrscheinlich selbst zugefügt hatte.

Hinterlassen hat der 34-Jährige ein fast fertiges Album, das jetzt unter dem Titel „From a Basement on the Hill“ (Domino/Rough Trade) erschienen ist. Smith’ Familie beauftragte den Produzenten Rob Schnapf und seine Ex-Freundin und Bassistin Joanna Bolme, die Arbeit zu beenden. Die beiden benutzten alles, was sie im Studio finden konnten: vorläufige Tracks, alternative Versionen, Notizen und Listen. Sie sprachen mit Musikern, Freunden und Verwandten.

Bolme und Schnapf haben diese schwierige Aufgabe insofern gut gelöst, als dass man beim Hören der 15 Songs vergisst, dass Elliott Smith sie nicht selbst vollendet hat. Man denkt kein einziges Mal darüber nach, ob der Künstler dies oder jenes so gewollt hat. Denn das virtuose Gitarrenpicking und sein bittersüßer Gesang führen sofort hinein in das dunkelrote Schmerzuniversum, aus dem auch seine früheren Werke stammen.

Wieder gelingt Smith eine Reihe intimer Balladen, die an den ebenfalls zu früh verstorbenen Nick Drake erinnern. Dazu kommen opulent instrumentierte und geschickt arrangierte Indie-Rocknummern. Hier erlaubt sich Smith kurze Eruptionen wie eine in der Ecke herumkreischende E-Gitarre, die er jedoch stets schnell wieder einfängt.

Natürlich kommt man bei einer Platte mit dieser Vorgeschichte um das Thema Tod nicht herum. Auch ohne zu suchen oder viel zu interpretieren, trifft man es in"From a Basement on the Hill" ständig: So singt Smith in der großartigen Folk-Ballade „A fond Farewell“ von einem dying man in the living room. In „Let’s get lost“, dessen fröhliche Melodie in einem geradezu zynischen Kontrast zum Text steht, heißt es: I don’t know where I’ll go now/And I don’t really care who follows me there/But I’ll burn every bridge that I cross/To find some beautiful place to get lost. Und in „King’s Crossing“ stellt der Sänger lakonisch fest: I can’t prepare for death any more than I already have. Das bewegenste und traurigste Stück ist jedoch „Twilight“: Eine Akustikgitarre, zweistimmiger Gesang und eine Streichersequenz errichten eine Kammer der Verlorenheit, in der jeder Ton zu weinen scheint. Es ist schwer, davon unberührt zu bleiben. Die Welt hat einen großen Songwriter verloren – und es wahrscheinlich noch nicht einmal gemerkt.

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