Verbrecher JAGD : Amerika sucht seine Kinder

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Warum verkauft sich Jilliane Hoffmans „Mädchenfänger“ (aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz, Wunderlich, Reinbek 2010. 458 S., 19,95 €) eigentlich so gut? Die Story kann es nicht sein: In Miami werden Teenager entführt und umgebracht, und der Mörder, dem die Medien den Spitznamen „Picasso“ verpasst haben, verschickt Gemälde, die die Polizei zu den Fundorten der Leichen führen. Solche Rätselspiele gehören seit David Finchers „Sieben“ zum Standard, genau wie die Figur eines Serienmörders, der „nach Aufmerksamkeit sucht“ und mit den Ermittlern „kommunizieren“ will. Dass dieser Thriller sich seit Wochen ganz oben in den Charts hält, hat einen anderen Grund. Es ist das Thema „vermisste Kinder“, dass die ehemalige Staatsanwältin Jilliane Hoffman geradezu akribisch abhandelt.

Das ist schon merkwürdig. Dieser Roman ist ein Bestseller – und gleicht über weite Strecken einem Grundsatzreferat an einer Polizeihochschule. „In den Vereinigten Staaten wird alle 40 Sekunden ein Kind als vermisst gemeldet. 800 000 Kinder im Jahr, 2185 jeden Tag“, das sind die Basisdaten, die einem ganzen Netzwerk von Institutionen zugrunde liegen, das Hoffman ausbreitet: In Florida kümmert sich zunächst das Crimes Against Children Squad, kurz CAC, um verschwundene Kinder, und die Beamten greifen unter anderem auf die Datenbank Missing Endangered Persons Information Clearinghouse (MEPIC) zurück, dem „zentralen Informationspool aller vermissten Kinder und Jugendlichen“. Dazu kommen das National Runaway Switchboard und der sogenannte AMBER-Alert, „ein Notrufsystem, das die Bevölkerung um Mithilfe bittet“ und nach Amber Hagerman benannt worden ist, einem neunjährigen Mädchen, das 1996 in Arlington, Texas, ermordet worden ist.

Das Bemerkenswerte sind also nicht die rätselhaften Botschaften, die der Serienmörder in seinen Bildern versteckt, sondern routiniert in den Text eingearbeitete Codes wie AMBER, MEPIC, CAC, CAE, die den Roman eigentlich unlesbar machen müssten: „Mädchenfänger“ ist kein Thriller, sondern in erster Linie ein Symptom – Ausdruck der Hysterie in einem Land, in dem mittlerweile auf jeder Packung Milch, die man im Supermarkt kauft, der Steckbrief eines verschwundenen Kindes gedruckt ist.

Ein ganzes Stück schlauer ist „Such mich!“, der neue Krimi der amerikanischen Autorin Carol O’Connell (aus dem Amerikanischen von Renate Orth-Guttmann, btb, München 2010, 478 S., 14,95 €). Ein Serienkiller hat über Jahre hinweg Kinder ermordet und am Rand der legendären Route 66 verscharrt. Als Kathy Mallory, Detective beim NYPD, sich auf die Suche nach dem Mörder macht, stößt sie auf eine Gruppe von Eltern, die sich über eine Therapiegruppe kennengelernt haben – und jetzt gemeinsam über Land fahren, um nach ihren verschwundenen Kindern suchen. Es ist eine gespenstische Karawane aus Pick-Ups und Wohnmobilen, die von Tag zu Tag größer wird. Wer mitzieht, hat noch einen Rest Hoffnung im Gepäck, und wenn die Gruppe nach einem kurzen Stopp in einer Kleinstadt wieder aufbricht, sind die Wände der Diners und Tankstellen gepflastert mit den Fotos vermisster Jungen und Mädchen: „Mit diesem Konvoi suchte Amerika seine Kinder.“

Der Treck der verwaisten Eltern, die abends am Rand des Highways „um Lagerfeuer und Kochstellen herumsitzen“, erinnert an eine der Planwagen-Kolonnen aus dem 19. Jahrhundert – nur dass er nicht von einer Schar Geier begleitet wird, sondern von „Psychodocs und Traumdeutern“, die ihr Geschäft mit dem Leid der Menschen machen, von special agents des FBI, die sich mehr für ihre Budgets als für den Fall interessieren, und von Reportern, die Exklusiv-Interviews aushandeln und Schlagzeilen verkaufen. Das ist gut gemacht: Carol O’Connell benutzt eine schlichte Genrekonstruktion – Cop jagt Killer –, um von einer kollektiven Neurose zu erzählen, wie man sie eher in einem Roman von Don DeLillo oder Chuck Pahlaniuk erwartet hätte.

Aber keine Angst, es gibt schon bald die ersten Toten im Konvoi. Nach den Kindern sterben ihre Eltern, und damit fängt die Geschichte erst richtig an. „Such mich!“ ist eben doch ein Krimi. Nur eben ein richtig guter.

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