Verbrecher JAGD : Das Wirkliche und das Erfundene

von

Mein erster Gedanke: Alles schon tausend Mal gelesen! Kyle Nevin – Ire und Mobster – hat acht Jahre lang wegen schweren Raubüberfalls in einem Knast in Boston verbracht. Als er rauskommt, hat er klare Pläne. Er will das nächste große Ding drehen und die Ratte finden, die ihn damals an die Feds verpfiffen hat. Das mit dem „das nächste große Ding drehen“ geht allerdings schon mal gründlich schief. Eine Kindesentführung, die aus dem Ruder läuft, daraufhin eine Gerichtsverhandlung, die ihn beinahe in die Todeszelle gebracht hätte, das FBI, das Kyle wieder an den Fersen klebt – und von dem Verräter nicht die geringste Spur.

Das ist der Stand auf Seite 283 von Dave Zeltsermans „Paria“ (aus dem Amerikanischen von Frank Nowatzki und Angelika Müller, Pulp Master, 368 Seiten, 13,80 €). Ehrlich gesagt: Ich hätte nicht gewusst, was auf den letzten knapp hundert Seiten noch hätte groß passieren sollen. Bis auf Seite 284 das Telefon klingelt und der Chef von Harleston Books Kyle mit gestelzten Worten einen fetten Vorschuss anbietet: „Was ich mir für Ihren ersten Roman vorstelle, ist eine auf Fiktion beruhende Version der Entführung, die man Ihnen zur Last gelegt und von deren Vorwurf man Sie freigesprochen hat.“ Das Geld kann Kyle gebrauchen, außerdem hat er eine Idee, wie er mit ein paar semifiktionalen Einsprengseln in seinem Debüt eine Botschaft an den Typen senden kann, der ihn für acht Jahre in den Knast gebracht hatte. Damit ist der Rest dieses Buch anständig gefüllt: sehr schöne Wendung!

Dass ein Verbrechen zu einem Roman wird, klar, das kann man sich schon vorstellen. Der umgekehrte Weg – Literatur schlägt um in Wirklichkeit – ist ein bisschen komplizierter. Stellen wir uns zum Beispiel vor: Islamischer Terror, Al Qaida, Selbstmordattentäter, das hätte es nie gegeben. Einfach nur eine gut ausgedachte Geschichte, zum Beispiel so: „Osama bin Laden: Vergelter“ ist der Titel einer Paperback-Reihe von einem Autor namens Mike Longshott. Kleine Kostprobe? „Mohammed Odeh traf am vierten August in Nairobi ein. Es war ein Dienstag. Um 7.30 Uhr war er mit einem Nachtbus aus Mombasa gekommen und checkte mit einem gefälschten Pass im Hilltop-Hotel in Zimmer 102b ein.“

Mit diesen Sätzen, der Imitation eines durchschnittlichen Politthrillers, beginnt Lavie Tidhars vertrackter Roman „Osama“ (aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller, Rogner & Bernhard, 302 Seiten, 22,95 €). Vertrackt, weil Nairobi 1998, die Al-Qaida-Anschläge auf die US-Botschaft, der Terrorist Mohammed Odeh nicht Fiktion sind, sondern Nachrichtenwirklichkeit waren – eines der ersten Kapitel einer medial inszenierten Großerzählung, die am 11. September 2001 ihren Höhepunkt finden sollte.

„Osama“ ist ein alternative history-Experiment, sehr schlau, sehr kunstvoll, mit Anleihen bei Philip K. Dick und Dashiell Hammett. Der in Israel geborene Lavie Tidhar schickt einen schemenhaft gezeichneten amerikanischen Privatdetektiv namens Joe auf die Suche nach dem Autoren Mike Longshott. Die Recherchen führen Joe, eine Art postmodernen Sam Spade mit Geschäftsadresse in Laos, von Vientiane nach Paris, London, New York. Und während er sich durch die Einwandererviertel der Großstädte treiben lässt, in schäbigen Hotels absteigt und auf Straßenmärkten Plastikspielzeug aus asiatischer Produktion betrachtet, verdichtet sich das Gefühl, das „irgendetwas nicht stimmte“, nichts, was „mit der realen Welt zu tun hatte, sondern einzig und allein mit der fiktiven, „der Welt von ,Europäischer Feldzug’ und ,Bombardierung des Sinai’ und ,Einsatz: Afrika’. Der Welt des ,World Trade Center’, was immer das war.“ Wir wissen natürlich, was das World Trade Center ist beziehungsweise war. Aber wenn wir es nicht wüssten, würden wir die Geschichte glauben? Gekaperte Passagierflugzeuge, Terroristen, Filmaufnahmen von Menschen, die aus den Fenstern zusammenstürzender Hochhäuser springen? „Osama“ erinnert daran, dass sich die Wirklichkeit in den letzten 15, 20 Jahren in einen „billigen Taschenbuchthriller mit reißerischem Cover“ verwandelt hat. Geniales Buch. Hat eigentlich irgendein Verlag mal versucht, mit Al Qaida ins Geschäft zu kommen?

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar