Verbrecher JAGD : Der Geheimdienst Ihrer Literatur

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Auch das ist eine Folge des Ersten Weltkriegs. 1915, ein Jahr nach Ausbruch der Kampfhandlungen, erscheint John Buchans „Die neununddreißig Stufen“. Der schnell geschnittene Thriller, in dem sich ein smarter Public-school-Absolvent eine Verfolgungsjagd mit deutschen Geheimagenten liefert, zeigt, dass Kriege auch nützliche Nebeneffekte haben können. In diesem Fall: die Entstehung des modernen Spionageromans. Auch Gerhard Seyfried, früher Comic-Zeichner, heute Schriftsteller, fühlt sich dem Genre verpflichtet. Nach historischen Romanen über die deutsche Kolonialzeit – „Herero“ und „Gelber Wind“ – führt „Verdammte Deutsche!“ (Knaus, München 2012, 412 S, 22,99 €) zurück in das Jahr 1911. Der junge Marineoffiziers Adrian Seiler soll für den deutschen Admiralstab in Großbritannien nach Anzeichen einer Mobilmachung suchen: „Er ist jetzt ein Spion, mit all den Möglichkeiten und Risiken, die dieser seltsame Beruf, falls es einer ist, mit sich bringt.“

Klingt spannend, funktioniert aber nicht richtig. Unter anderem, weil Seyfried seinem gestressten Nachwuchsagenten eine rührend naive Romanze mit einer Engländerin andichtet: „Was ihn aber immer wieder, so auch jetzt, trotz allem leicht und froh macht, ist die Aussicht, mit Vivian zusammensein zu können.“ Langer Seufzer. – Und warum taucht das jetzt in dieser Kolumne auf? Man könnte „Verdammte Deutsche!“ als literarischen Kollateralschaden des bevorstehenden Erster-Weltkrieg-Jahrestages abhaken – wenn Seyfried nicht am Rand die charmante These verfolgen würde, dass nicht die Wirklichkeit die (Kriminal-)Literatur formt, sondern die (Kriminal-)Literatur die Wirklichkeit. Ein Blick zurück: Erfolgreicher als John Buchan war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein anderer, heute vergessener Autor, William Le Queux. Der machte mit „Spies of the Kaiser“ in England Stimmung gegen die „verdammten Deutschen“ und warnte eindringlich vor feindlicher Spionage. Seyfried hat ihn als Nebenfigur in sein Buch eingebaut – und deutet die Möglichkeit an, dass aus dem 1909 gegründeten „Secret Service Bureau“ auch aufgrund von Le Queuxs öffentlichkeitswirksamen Verschwörungstheorien schließlich der Riesenapparat MI5/MI6 geworden ist. Ohne Spionagethriller keine Spione?

Noch so eine Geschichte. 1912 kommt Harold Adrian Russell Philby in der indischen Stadt Ambala als Sohn eines britischen Diplomaten zur Welt. Bereits als Kind trägt er den Spitznamen „Kim“, nach dem Helden aus Rudyard Kiplings gleichnamigem Roman. Kiplings Kim ist bekanntlich ein (fiktiver) Spion, der in Indien für den englischen Nachrichtendienst gearbeitet hat. Aus Harold Adrian Russell Philby, genannt Kim Philby, soll dagegen eines Tages ein (ganz realer) Agent des MI6 werden – der sich 1963 nach Moskau absetzt. Der Fall ist bis heute ein Rätsel: War Philby ein Überläufer – oder langjähriger Doppelagent?

Der amerikanische Thrillerautor Robert Littell schlägt in seinem raffinierten Doku-Roman „Philby“ (Aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence, Arche, Zürich/Hamburg 2012, 286 S., 19,95 €) eine dritte Möglichkeit vor. Seine Grundannahme: Der „junge, eifrige, linksintellektuelle Upperclass-Sprössling“ war leichte Beute für die Russen – und wurde darum bereits Mitte der Dreißigerjahre vom NKWD angeworben. Philby aber war so offensichtlich vernarrt in den Kommunismus, dass es kaum vorstellbar ist, dass er ab 1940 Karriere beim MI6 hätte machen können. Außer: Man hätte seine Rolle als Doppelagent von britischer Seite von Anfang an in Kauf genommen. „Wir müssen ihnen einen Engländer vor ihre sowjetischen Nasen setzten und sie dazu verleiten, ihn anzuwerben", das könnte laut Littell die Überlegung beim MI6 gewesen sein: „Nicht einfach irgendeinen Engländer, sondern einen aus der Oberklasse, einen mit einer schicken College-Krawatte, von dem die Sowjets denken, dass er sich ins Establishment hocharbeiten kann.“

Auch das ist ein charmanter Gedanke. Plötzlich schreiben die Spione selbst Romane. Im Vorfeld des Kalten Krieges entwerfen sie bei einer Tasse Tee und einem Glas Scotch psychologisch hochkomplexe Figuren für ihre „reality thriller“. Robert Littells „Philby“ gibt einen tiefen Einblick in diese literarische Werkstatt.

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