Verbrecher JAGD : Der Tod kommt zweimal

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Serienkiller sind doch die besseren Menschen. Dexter Morgan zum Beispiel hat gelernt, das Beste aus seiner tödlichen Veranlagung zu machen: Er bringt ausschließlich andere Mörder um. Die Erfahrungen, die er über die Jahre hinweg gesammelt hat, stellt er darüber hinaus der Öffentlichkeit zu Verfügung. In seinem zweiten Leben arbeitet Morgan bei der Spurensicherung des Miami Metro Police Department als Fachmann für die Analyse von Blutspritzern, und seine Kollegen schätzen seine gründlichen Expertisen genauso wie seine charmanten Auftritte am Tatort. Dexter Morgan ist eine Erfindung des amerikanischen Schriftstellers Jeff Lindsay. Seine bösen, stellenweise komischen Romane erscheinen auch auf Deutsch, zuletzt „Komm zurück mein dunkler Bruder“ (Aus dem Amerikanischen von Frauke Czwikla. Knaur, München 2009. 432 S., 7,95 €).

Richtig bekannt ist Dexter Morgan aber erst durch die gleichnamige Fernsehserie geworden, die hierzulande auf RTL2 lief und in den USA nach rekordverdächtigen Einschaltquoten gerade in die fünfte Staffel geht. Michael C. Hall spielt den Mörder als leicht verstörten, im Grunde aber liebenswerten Kerl, und mit Dexter Morgan ist es vielleicht erstmals in der Geschichte des Genres gelungen, einen ausgewiesenen Psychopathen und durchgeknallten serial killer zu einer positiven Identifikationsfigur zu machen.

In Josh Bazells rabenschwarzem Krimidebüt „Schneller als der Tod“ (Aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch. S. Fischer, Frankfurt/Main 2010. 300 S., 18,95 €) können wir unser Herz jetzt an den nächsten grundsympathischen Gewalttäter verlieren. Pietro Brwna – ein Nachfahre italienischer und polnischer Einwanderer – ist noch ein Teenager, als seine Großeltern umgebracht werden. Die Polizei kommt nicht weiter, also spürt er die Täter selbst auf und erschießt sie. Ich meine, was hätten Sie getan? Die Mafia ist so beeindruckt, dass sie dem Halbitaliener mit dem unaussprechlichen Nachnamen einen Job als Killer anbietet. Pietro Brwna akzeptiert, will allerdings genau wie Dexter Morgan in erster Linie Gutes tun. Er ermordet nur Menschen, „deren Tod ein Gewinn für die Welt“ ist, „jeder Einzelne ein wirklich übles Schwein“. Ach, so, und natürlich „keine weiblichen Zielobjekte (versteht sich von selbst)“.

Das klingt doch fair, oder? Schade, dass Pietro Brwna seine Arbeit nach ein paar Dutzend Aufträgen aufgeben muss. Er überwirft sich mit seinem Boss und wird in das Zeugenschutzprogramm des FBI aufgenommen. Der ehemalige Killer studiert Medizin und fängt unter dem Namen Peter Brown als Internist am Manhattan Catholic in New York an, bis ihn schließlich seine Vergangenheit einholt. Ein Mafioso mit Magenkrebs – Sichelringzellen, es steht nicht gut um ihn! – erkennt Pietro Brwna und droht, ihn auffliegen zu lassen, wenn die Behandlung nicht anschlagen sollte. Ein Mörder muss ein Leben retten. Und damit hat Dr. Peter Brown ein echtes Problem.

Richtig gesund wird im Manhattan Catholic nämlich niemand, egal ob Magenkrebs oder Blinddarmentzündung. Die Krankenschwestern hängen lethargisch im Aufenthaltsraum herum, während die ausgebrannten Assistenzärzte jeden Patienten entlassen, der halbwegs bei Bewusstsein ist, um Platz für die dreißig Neuaufnahmen pro Woche zu schaffen, die von der Geschäftsführung gefordert werden. Die übrigen Patienten werden ignoriert, und wenn einer von ihnen stirbt, kann man seinen Tod immer noch den osteuropäischen Pflegekräften in die Schuhe schieben: Glaubt man Josh Bazell, dann besitzt ein Durchschnittskiller deutlich mehr Verantwortungsbewusstsein als die gesamte Belegschaft einer amerikanischen Klinik.

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass es in einem deutschen Krankenhaus nicht viel besser zugeht. „Schneller als der Tod!“ ist damit genau der richtige Krimi für Freizeit-Hypochonder, Ärztehasser und reformgeschädigte Kassenpatienten: 300 Seiten rezeptpflichtiger Zynismus aus den Niederungen der öffentlichen Gesundheitsversorgung. Auch Medizinstudenten sollten ruhig mal einen Blick hineinwerfen. Es ist ja nie zu spät, die Karriereplanung zu überdenken. Auftragsmorde werden angeblich gar nicht so schlecht bezahlt.

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