Verbrecher JAGD : Die hohe Kunst des Dialogs

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Die Story ist ja nicht das Wichtigste. Für Raymond Chandler zum Beispiel war der Kriminalroman in erster Linie ein Sprachkunstwerk. In seinem Essay „Die simple Kunst des Mordens“ feierte er den „revolutionären Ernüchterungsprozess“, den sein Kollege Dashiell Hammett mit seinem extrem reduzierten Stil in Gang gesetzt hatte: „knapp, schroff, spröde und hard-boiled“. Das war 1944. Chandler hat damals eine Art Gründungsmanifest des modernen Kriminalromans verfasst, und seine Forderung nach einer kargen, schmucklosen Sprache ist immer noch aktuell. Der derzeit radikalste Vertreter dieser Schule ist der australische Autor Peter Temple. Gerade ist „Wahrheit“ erschienen (Aus dem Englisch von Hans M. Herzog. C. Bertelsmann, München 2011, 480 S., 19,99 €), ein Polizeiroman mit bis auf die Knochen heruntergehungerten Dialogen. Das klingt dann so:

„Drogen wären eine Möglichkeit.“

„Ach, ja?“, sagte Kiely, leicht spöttischer Tonfall.

„Zahlreiche Tote. Der Mafiakrieg. Aber woher sollen Sie das wissen?“

Beredtes Schweigen.

„Egal“, fuhr Villani fort.

„Sollte sich nicht Crucible darum kümmern?“

„Unnatürliche Todesfälle. Das Morddezernat.“

„Ich leiste nur einen bescheidenen Beitrag zu unserem Fachgespräch.“

„Was immer das für‘n Scheiß sein mag. Vergessen Sie Crucible.“

Stephen Villani ist der Chef des Melbourner Morddezernats, müde, kaputt und ausgebrannt, ein Experte für four-letter-words und Sätze ohne Objekt und Prädikat. Reden wir nicht darüber, worum es hier geht: der Mord an einer Prostituierten, Querverbindungen zum organisierten Verbrechen und in die oberen Etagen Politik ... Reden wir darüber, wie es gemacht ist. Es ist die simple Kunst des Recyclings: Die Wortwechsel in „Wahrheit“ lesen sich so, als ob der Autor sie am Rand einer Straße aufgesammelt hat, wie leere Zigarettenschachteln und zerrissene Fast-Food-Verpackungen. Polizisten haben es mit den Abfallprodukten der Gesellschaft zu tun, mit Hass, Brutalität und Niedertracht. Sprache ist für Peter Temple, Jahrgang 1946, einfach nur die oberste Schicht der großen, stinkenden Müllhalde Zivilisation. Und wenn Stephen Villani an einer Stelle auf dem Highway mit dem Handy den Anruf eines Kollegen entgegennimmt, schreddert der Verkehrslärm konsequent auch noch die letzten Worte:

„Dove ... Neuigkeiten ...“

„Was?“

„Unser Freund ... Morgen ...“

„Die Verbindung wird schlecht, ich rufe zurück.“

„Alle Sprache beginnt mit der gesprochenen Sprache“, hatte Chandler in seinem Essay angemerkt. Tatsächlich setzen die meisten hard-boiled novels in erster Linie auf Dialoge. Ausnahme: Simon Lelic. Der 1976 geborene Brite hat vorgeführt, dass es auch ohne geht. Sein außergewöhnlicher Thriller „Ein toter Lehrer“ (aus dem Englischen von Stefanie Jacobs, Droemer, München 2011, 348 S., 16,99 €) erzählt die Geschichte eines Amoklaufs in Form von Monologen. Ein junger Lehrer erschießt drei Schüler, eine Kollegin – und dann sich selbst. Die Polizistin Lucia May vernimmt die Zeugen, und als ob ein Kanal auf der Aufzeichnung ausgefallen ist, hört man nur die Stimmen ihrer Gegenüber. Eine Lehrerin will gespürt haben, dass der Täter ein „Mann mit Problemen“ war, der Direktor fürchtet um das Image seiner Schule und bedauert den Verlust „an menschlichem Kapital“, ein Schüler erkundigt sich – wie bei einem Videospiel – nach dem body count: „Wie viele waren es denn nun? Ach, echt? Oh. Fünf nur? Ach, so. Na, ja, egal.“

Auch Simon Lelic hat alltäglichen Sprachmüll aufgesammelt, Teenagertalk, emotionale Schutzbehauptungen, hilflose Rationalisierungen und zynische PR-Floskeln. Detective Lucia May wühlt so lange im Schmutz, bis sie die Geschichte hinter dem Amoklauf freigelegt hat. Der Täter war zunächst selbst ein Opfer, ein Lehrer, gemobbt von Schülern und Kollegen. Und er war ein Mensch, der an einem bestimmten Punkt keine Worte mehr hatte, hinter denen er sich verstecken konnte.

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