Verbrecher JAGD : Die Normalität des Bösen

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Ellen ist eine anständige Norwegerin: „Sie glaubt an die Sozialdemokraten, an die Hierarchie in der Schule und an den Nationalfeiertag“. Ellen kann sich einfach nicht vorstellen, dass etwas richtig Schlimmes passiert in ihrem Land. Und tief im Herzen – da sind sich alle sicher, die Ellen kennen! – glaubt sie sogar, dass der Mann, der kurz zuvor auf der Insel Utøya ein Blutbad angerichtet hat, weder böse noch verrückt ist. Er ist halt als Kind „nicht genug geliebt worden“. Und das alles, obwohl Ellen gerade ihre eigene, private Tragödie erlebt. Am Tag des Massakers ist ihr achtjähriger Sohn ums Leben gekommen. Und die Polizei vermutet, dass es kein Unfall war. Der Hauptverdächtige: Ellens Mann Jon.

Anne Holt ist die erfolgreichste skandinavische Schriftstellerin. Mit „Schattenkind“ (Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs, Piper, München 2013, 352 S., 19,99 €.) hat sie jetzt den fünften und letzten Band um die Psychologin Inger Johanne Vik und den Polizisten Yngvar Stubø geschrieben. Nächste Woche kommt das Buch in den Handel – als erster norwegischer Thriller, der explizit auf die Terroranschläge von 2011 eingeht. Das wirkt reißerisch, aber „Schattenkind“ ist mit der gleichen kühlen Routine geschrieben, mit der skandinavische Autoren und Autorinnen seit Sjöwall und Wahlöö beharrlich zu zeigen versuchen, dass hinter den Kiefernholzkulissen des Sozialstaats Abgründe lauern. Neu ist bei diesem Thriller von Anne Holt jetzt die außerliterarische Bestätigung dieser These durch den Massenmörder Anders Behring Breivik.

Die Abgründe sind nun deutlich zu erkennen: Während das häusliche Drama um Ellen, Jon und ihren verstorbenen Sohn enthüllt wird, laufen überall die Sondersendungen zu den Anschlägen. 77 Tote wird es geben. Und noch eine Zahl: Mehr als 20 000 Kinder werden Jahr für Jahr in Norwegen von ihren Eltern misshandelt. Nur eine Handvoll der Täter wird vor Gericht verurteilt.

Anne Holt erzählt in „Schattenkind“ von einem scheinbar normalen Land im Ausnahmezustand. Der Komplementärentwurf dazu ist „Vermisst“, das Krimidebüt des israelischen Literaturwissenschaftlers Dror Mishani (Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Zsolnay, München/Wien 2013, 352 S., 17,90 €.). Israel erlebt seit seiner Gründung Gewaltexzesse: Kriege, Anschläge. Überraschung: Diesen Angstkomplex blendet Mishani aus. Sein Roman ist in einem langweiligen Vorort von Tel Aviv angesiedelt, und als eine Mutter ihren Jungen bei der Polizei als vermisst meldet, beruhigt Inspektor Avi Avraham sie mit den Worten, dass es bekanntlich deshalb keine Kriminalromane auf Hebräisch gebe, weil in Israel keine nennenswerten Verbrechen begangen würden: „Es gibt bei uns keine Serienmörder, keine Entführungen und so gut wie keine Sexualstraftäter.“ Israel – das Norwegen des Nahen Osten?

Dror Mishani – er ist als Literaturwissenschaftler auf Kriminalliteratur spezialisiert – hat seinem ersten Thriller einen bewusst gemütlichen Anstrich verpasst. Avi Avraham ist ein Tölpel und Träumer, der auf dem Revier am Rockzipfel seiner mütterlichen Vorgesetzten hängt und abends angestaubte „Law & Order“-Folgen guckt. Und auch sein mutmaßlicher Gegenspieler ist nicht ganz von dieser Welt, ein Lehrer und Möchtegern-Schriftsteller, der den Fall literarisch ausschlachten will und sich damit vor der Polizei und dem Leser verdächtig macht: „red herrings“, falsche Spuren, ein Erzähltrick aus längst vergangenen Zeiten! Umso schmerzhafter die Erkenntnis, dass hinter dem Verschwinden des Jungen ein Verbrechen, nein, möglicherweise: mehrere Verbrechen im engsten Kreis der Familie stecken.

Und umso düsterer das Bild vom Umgang der israelischen Gesellschaft mit ihren Kindern, das in knappen Randbemerkungen in diesem seltsam verstörenden Kriminalroman gezeichnet wird. Dass in diesem Land Jahr für Jahr tausende blutjunge Rekruten an die umkämpften Grenzen geschickt werden, wusste ich zum Beispiel aus der Zeitung. Aber erst bei Mishani habe ich erfahren, dass israelische Familien mit ihren Töchtern und Söhnen vor der Einberufung noch einmal eine gemeinsame Reise unternehmen – im Bewusstsein, dass ihre Kinder bald für das Heimatland sterben könnten.

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