Verbrecher JAGD : Die Ohnmacht der Ermittler

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Die Experten sind sich einig: Die erste Detektivgeschichte hat Edgar Allan Poe geschrieben. 1841 erschien seine Erzählung „Die Morde in der Rue Morgue“. Zwanzig Jahre zuvor entstand allerdings bereits eine Novelle, die gelegentlich als frühes Beispiel der Kriminalliteratur angeführt wird: E. T. A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“. Es geht um eine Serie von Raubmorden im Paris des 17. Jahrhunderts. Die Opfer sind Männer aus gehobenen Kreisen; Anlass für die Morde sind offenbar die Schmuckstücke, die sie für ihre Geliebten erworben haben. Es ist Magdaleine von Scuderi, die Hofdichterin Ludwig XIV., die den Fall löst. Man darf das verraten, es handelt sich schließlich um einen Klassiker: Die Schmuckstücke stammen aus der Werkstatt des Goldschmieds Cardillac, er selbst hat sie mit Gewalt wieder in seinen Besitz gebracht.

Nach Auffassung der reinen Lehre fehlen der Hauptfigur entscheidende analytische Fähigkeiten, die das Genre der detective novel prägen. Schon richtig, das Fräulein von Scuderi folgt keiner „Methode“ wie Auguste Dupine oder Sherlock Holmes. Wenn sie etwa dem unbarmherzigen Präsidenten eines Sondergerichts gegenübersitzt, der kurz davor ist, einen Unschuldigen zu verurteilen, appelliert sie erst einmal an seine Menschlichkeit und beginnt zu weinen. In Alexandra Kardinars und Volker Schlechts Comic-Version von „Das Fräulein von Scuderi" (Edition Büchergilde, Frankfurt/Main, Wien/Zürich 2011, 157 S., 24,99 €) nimmt diese Szene eine ganze Doppelseite ein: links der feiste Richter, der seine Körpermassen in ein barockes Stühlchen gequetscht hat und von einem stattlichen Orden träumt. Rechts die Hofdichterin, der die Tränen springflutartig aus den Augen schießen. Beide tragen sie Perücken, die zur Zeit Ludwig XIV. in Mode gekommen sind. Das verrät uns ein Infokästchen: Der französische König maß nämlich nur 1,60 Meter Körperlänge und schätzte üppigen Kopfputz, der ihn größer wirken ließ.

Als graphic novel macht „Das Fräulein von Scuderi“ richtig Spaß. Kardinar und Schlecht erlauben sich ein paar freche Anachronismen – „Harry“ ruft das Fräulein von Scuderi, als sie sich ihren Wagen vorfahren lässt, so Derrick-mäßig. Darüber hinaus lesen die Illustratoren den Klassiker gerne auch gegen den Strich: Die nächtliche Anfangsszene zum Beispiel, die bei dem Romantiker Hoffmann im Mondschein liegt, wird in diesem Remake von grellem, neongrünem Licht erhellt. Seit dem 2. September 1667, erfahren wir in einer Anmerkung, brannten in den Pariser Gassen bereits Laternen – nicht zur Sicherheit der Bürger, wie man meinen könnte, sondern um sie besser kontrollieren zu können. Ein erster Schritt auf dem Weg zum modernen Überwachungsstaat? Trotz der voluminösen Perücken, der barocken Kleiderpracht und anderen historischen Accessoires wirkt „Das Fräulein von Scuderi“ als Bildgeschichte ganz aktuell. Auch die Frage, ob E. T. A. Hoffmann nun eine echte Detektivgeschichte geschrieben hat oder nicht, kann man ruhig noch einmal neu stellen. Mir wäre es im Text gar nicht aufgefallen, wenn Kardinar und Schlecht es nicht so auffällig in Szene gesetzt hätten: Mit jedem Schritt, mit dem die Aufklärung des Falls voranschreitet, fällt eine der anwesenden Damen malerisch in Ohnmacht. Eins, zwei, drei ... – insgesamt acht sorgfältig nummerierte Zeitlupen-Zeichnungen zeigen, wie die Bedienstete Martiniere beim Anblick eines Tatverdächtigen auf dem Pont Neuf zu Boden sinkt: „Hach.“ Und auch Magdaleine von Scuderi selbst ergibt sich, als die Lösung des grausamen Rätsels kurz bevorsteht, mit einem Seufzer – „Uuuu“ – der Bewusstlosigkeit: „ganz zerrissen im Innern, entzwei mit allem Irdischen“.

In diesem Sinne steht E. T. A. Hoffmanns Fräulein von Scuderi in einer Reihe mit Dashiell Hammetts Sam Spade, Mankells Wallander und ihren unzähligen verzweifelten Kollegen, den Detektiven des 20. und 21. Jahrhunderts, die durch ihre Fälle in tiefe, existenzielle Krisen getrieben werden. Mit dem Verbrechen kann man leben, aber die Wahrheit lässt sich nur schwer ertragen. Es ist nicht die Macht, sondern die Ohnmacht des Ermittlers, die den Reiz der modernen Detektivgeschichte ausmacht.

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