Verbrecher JAGD : Gestohlenes Leben

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Vor sieben Jahren erschien „Schöner Schatten“, Andrew Wilsons Biografie über Patricia Highsmith. Mit 700 Seiten ist das die bisher gründlichste Arbeit über die 1995 verstorbene Ausnahmeschriftstellerin. Trotzdem liest sich das Buch wie das Protokoll eines Scheiterns. Patricia Highsmith hatte Zeit ihres Lebens die Öffentlichkeit gemieden und entzog sich auch über ihren Tod hinaus beharrlich neugierigen Blicken.

Kann es sein, dass Andrew Wilson darüber nicht richtig hinweggekommen ist? Gerade hat der britische Journalist seinen ersten Krimi veröffentlicht, „Mit gespaltener Zunge“ (Aus dem Englischen von Judith Schwaab, Droemer, 380 Seiten, 19,95 €), in dem ein Autor und sein Biograf sich einen erbarmungslosen Zweikampf liefern. Der junge Engländer Adam Woods wird von Gordon Crace als Privatsekretär engagiert, einem geheimnisumwitterten Romancier, der vor Jahren einen Bestseller geschrieben hat und seitdem in einem alten venezianischen Palazzo lebt und nichts mehr veröffentlicht hat. Adam, der selbst literarische Ambitionen hat, erkennt seine Chance. Er will sich mit einem Porträt über den verstummten Schriftsteller einen Namen machen.

Als Crace merkt, dass sein Sekretär ihm hinterrücks „sein Leben stehlen“ will, beginnt ein subtiles Spiel, das in seinen besten Momenten stark an die Romane von Patricia Highsmith erinnert. Adam Woods und Gordon sind zwei instabile Charaktere, die bei ihrer Begegnung eine krasse, zerstörerische Energie entwickeln, genau wie Tom und Dickie in „Der talentierte Mr. Ripley“, Guy und Bruno in „Zwei Fremde im Zug“ – und natürlich wie Ray Garrett und sein rachsüchtiger Schwiegervater in „Venedig kann so kalt sein“. In diesem Fall ist sogar der Schauplatz derselbe. Kein Problem: Ich bin Highsmith-Fan, und mir hat das Ganze Spaß gemacht. Es gibt eine Menge versteckter Zitate und Anspielungen, und am Ende ist „Mit gespaltener Zunge“ nicht nur ein vertrackter Psychothriller, sondern auch ein dreistes Stück Metafiktion. Andrew Wilson, der am Leben von Patricia Highsmith gescheitert ist, räubert jetzt als Schriftsteller ihr Werk.

Auch die Schottin Louise Welsh erzählt in ihrem neuen Roman „Das Alphabet der Knochen“ von der obsessiven Beschäftigung mit einer fremden Biografie. Hier geht es allerdings nicht ganz so verspielt zu. Murray Watson, Anfang 40 und Literaturwissenschaftler ohne Aussicht auf Karriere, steckt in der Krise. Sein Vater ist gestorben, er hat sich mit seinem Bruder zerstritten, und die einzige Beziehung, die er in den letzten Jahren hatte, war eine Affäre mit der Frau seines Institutsleiters. Kein Wunder, dass Murray sich auf das Leben eines anderen Menschen stürzt. Er sitzt an einer Arbeit über Archie Lunan, einen zeitgenössischen Lyriker aus Edinburgh, der sich als junger Mann das Leben genommen hat.

Louise Welsh, die ihre Leser in ihrem Debüt „Dunkelkammer“ (dt. 2004) in die heruntergekommenen Viertel von Glasgow mitgenommen hatte, wirft in „Alphabet der Knochen“ einen Blick in das vermeintlich vergnügte Edinburgh der 70er Jahre. „Jede Menge Partys, Gelächter, Spaß ohne Ende“, das ist es, was Murray Watson von „Zeitzeugen“ über Archie Lunans letzte Jahre erfährt, von ehemaligen Saufkumpanen und in die Jahre gekommenen Kneipenbesitzer.

Doch die dunkle Seite des Mondes ist auch von Schottland aus zu erahnen. Tatsächlich war die Atmosphäre in der Stadt damals von „Suff und Zerfall“ bestimmt, und der Literaturwissenschaftler stößt auf Gerüchte über Drogenpartys, die die traurigen Hippies rund um Archie Lunan auf einer kleinen Insel an der Westküste gefeiert haben. Es ist der gleiche Ort, von dem aus der Dichter eines Nachts mitten in einen Sturm hineingesegelt und nicht wieder zurückgekommen ist.

Plötzlich geht es nicht nur um Selbstmord, sondern um Mord, und am Ende wird auch Murray Watson Blut an den Händen haben. Doch er muss das Leben, das er sich als Gegenentwurf zu seinem eigenen trostlosen Dasein ausgesucht hat, zu Ende erzählen. Das ist das Schicksal des Biografen, auf den der Titel des Romans bereits anspielt. Seine Buchstaben sind aus den Knochen anderer Menschen gemacht. Er tötet, um schreiben zu können.

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