Verbrecher JAGD : Gott verdamme Amerika!

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Ross Thomas hat in den Sechzigern als Journalist, Gewerkschaftssprecher und Wahlkampfberater gearbeitet. Er muss erhellende Einblicke in das politische System der USA gewonnen haben. In seinen Thrillern erscheint das Land als von Grund auf verdorben. Der Alexander Verlag lässt nun alle 25 Thomas-Romane übersetzen. Schon nach acht Bänden merkt man, dass Thomas nicht nur verdammt gute Thriller verfasst hat, sondern die „hard-boiled history“ seiner Heimat: Er ist der Chronist der US-Nachkriegsverbrechen, von Vietnam bis zur Iran-Contra-Affäre. „Der Yellow-Dog-Kontrakt“ (Übersetzt von Stella Diedrich, Gisbert Haefs, Edith Massmann, Alexander Verlag, Berlin 2011, 14,90 €) spielt in Washington D.C., kurz nach Nixons Fall: Paranoia liegt in der Luft. Ein Industrieller gründet eine Stiftung für politische Verschwörungen und beauftragt den Ex-Politikberater Harvey Longmire, das Verschwinden eines Gewerkschaftsbosses zu untersuchen. Longmire versinkt noch einmal tief im Sumpf: Ein neuer Präsident soll her, und die Gewerkschaften rüsten zum Streik. Die Republikaner sind im Spiel, die CIA, Senatoren, Abgeordnete. Es geht um Macht und Geld. So läuft es in einem Land, in dem man sich für knapp eine Million Dollar „ein Stück Kongress“ auch kaufen kann. Zumindest bei Ross Thomas.

Die USA aber sind keine rein materialistisch orientierte Gesellschaft. Spätestens seit 9/11 spielt die christliche Religion wieder eine Rolle in „god’s own country“. Davon geht Elliott Halls „Den ersten Stein“ aus (Übersetzt von Barbara Ostrop. dtv, München 2011. 349 S., 14,90 €). Bibelkundige haben die Macht übernommen. Es ist wie im Iran, nur herrschen keine Mullahs, sondern puritanische Sittenwächter. Der Präsident ist nur eine Galionsfigur, alle Entscheidungen fällen klerikale Karrieristen: Gott schütze Amerika!

Felix Strange ist Privatdetektiv in New York, er kümmert sich um Ehescheidungen und Versicherungsbetrug. Dann wird der prominente Prediger Isaiah ermordet. Strange soll den Fall lösen. Verdächtige gibt es genug. Isaiah war ein Fanatiker mit vielen Feinden – innerhalb der religiösen Machtelite, aber auch an der Wall Street.

Lesen muss man „Den ersten Stein“ wegen der akribisch ausgestalteten Dystopie eines amerikanischen Gottesstaates. Der Kanadier Hall ist Realist: Das fundamentalistische Gedankengut seiner fiktiven US-Theokratie stammt von der real existierenden evangelikalen Rechten. Hall dreht die Schraube nur weiter: „intelligent design“ steht auf Schullehrplänen und die Behörden jagen „spirituelle Terroristen“, Atheisten, Schwule, Liberale.

Es ist wie bei Thomas: Halls Horrorszenario passt gut zu den hiesigen Ressentiments gegenüber den USA. Aber seit das „christlich-jüdische Abendland“ gegen die vermeintliche Islamisierung Europas in Anschlag gebracht wird, kann sich hierzulande keiner mehr damit herausreden, dass eine alttestamentarisch fundierte Politik allein ein Problem der USA ist.

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