Verbrecher JAGD : Gottes Zorn trifft jeden

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Johnny und Marla haben – man kann das altmodisch ausdrücken – Schuld auf sich geladen. Für ein Schäferstündchen im Wald haben sie Johnnys jüngeren Bruder Stan am Tunney Lake alleingelassen. Stan wird gerade noch vor dem Ertrinken gerettet, aber nach dem Unfall ist er nicht mehr der Gleiche. Johnny verlässt die Stadt. Nach acht Jahren kehrt er zurück, jetzt will er alles richtig machen: „Ich wollte die Gegenwart zwingen, die Fehler der Vergangenheit wieder wettzumachen.“ Doch in Oakridge, Kalifornien, ist das nicht so einfach: Pädophile Lokalpolitiker, Möchtegern-Zuhälter und rachsüchtige Unternehmer beherrschen die Stadt. Ein Sündenpfuhl.

Johnny und Marla, „zwei Schuldige, die niemals schuldig werden wollten“, versinken in einem Sumpf aus Gier und Gewalt, Sadismus und Wahnsinn, wie es ihn nur in den Geschichten des Alten Testaments gibt – und in den fiktiven Kleinstädten der amerikanischen Literaturgeschichte, von Nathaniel Hawthorne über William Faulkner bis zu Stephen King. Der in England geborene Matthew Stokoe hat mit „Empty Mile“ (Aus dem Englischen von Joachim Körber. Arche, Hamburg 2013, 399 S., 24,95 €) einen uramerikanischen Thriller geschrieben, mit scharlachroten Anklängen an die Predigten von Jonathan Edwards und anderen puritanischen Hexenmeistern, die im 18. Jahrhundert die Siedler in Neuengland das Fürchten lehrten: „Ihr alle seid Sünder in den Händen eines zornigen Gottes.“

Auch Stephen Dobyns' Kleinstadt-Thriller „Das Fest der Schlangen“ (Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt. C. Bertelsmann. München 2013. 542 S., 14,99 €.) beginnt mit einem klaren Verstoß gegen den Moralkodex. Alice, die wegen ihrer betont engen Arbeitskleidung im Krankenhaus von Brewster, Rhode Island, nur „Schwester Spandex“ genannt wird, hat während der Nachtwache rasch mal Sex mit einem Kardiologen. Die Strafe Gottes folgt sofort. Als Alice zurück auf die Säuglingsstation kommt, liegt in einem der Betten statt eines Babys eine zischende Giftschlange. Damit beginnt Brewsters Apokalypse, die Stephen Dobyns – im Hauptberuf Lyriker! – genüsslich ausbuchstabiert: Blutrünstige Kojoten streunen durch die Straßen, Gerüchte über Satanisten und Werwölfe machen die Runde, und irgendjemand erinnert sich, dass Stadtgründer „Wrestling“ Brewster vor rund zweihundert Jahren mit dem Teufel gerungen haben soll. Oh, und in ein paar Tagen ist noch Halloween! Vielleicht lässt man die Kinder dieses Jahr doch lieber im Haus?

Am Ende gibt es bei Dobyns für den Kleinstadt-Horror eine einfache Erklärung. Auch das wirkt fast ein bisschen altmodisch. Heute weiß doch jeder Teenager, der gelegentlich den Fernseher einschaltet, dass Teufel und Dämonen kein puritanischer Aberglaube sind, sondern gute Unterhaltung garantieren. Carsten Strouds „Niceville“-Trilogie, eine Kleinstadt-Saga mit Hardboiled-und-Horror-Elementen, liegt damit schwer im Trend. Im ersten Teil, der im letzten Jahr erschien, verschwand in Niceville ein Junge in einem geheimnisvollen Spiegel. Während gute Cops wie Nick Kavanaugh die vermeintliche Entführung aufzuklären versuchten, zogen seine korrupten Kollegen einen Banküberfall durch. Gleichzeitig spionierten drei chinesische Geschäftsleute ein High-Tech-Forschungszentrum am Rand der Stadt aus. Und alles hängt natürlich irgendwie zusammen: Stroud hat „Niceville“ so komplex angelegt, wie sich das heute eigentlich nur noch die Autoren der besseren Fernsehserien erlauben. In ein paar Tagen erscheint mit „Die Rückkehr“ (Aus dem Amerikanischen von Robin Detje. DuMont, Köln 2013. 602 S., 19,99 €) Band zwei der Trilogie.

Stroud weiß, was er seinen TV-gestählten Lesern bieten muss und macht in hoher Schnittfrequenz weiter. Der Bankraub ist gerade mal ein paar Stunden her, als die State Patrol auf dem Highway 366 einen ersten Verdächtigen festnimmt – ein Erfolg, der fast untergeht, weil gerade ein chinesischer Learjet über dem Flughafen der Stadt in einen Krähenschwarm geraten ist und abstürzt. Ach, was, Sie finden, dass das ein bisschen viel Action für ein Kaff wie Niceville ist? Dann warten Sie mal ab, bis Sie „das Ding“ kennen lernen, das in dem alten Spiegel wohnt. Der Zorn Gottes ist nichts dagegen.

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