Verbrecher JAGD : Her mit den Psychopathen!

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Januar ist Zwischenzeit. Die Highlights der letzten Saison sind alle ins Regal geräumt, brav nach dem Alphabet sortiert, neue Titel erscheinen erst im Februar. Gute Gelegenheit, also, bei einem Becher Tee mit viel zu viel Milch den Zweimeterstapel mit Qualitätsware aus Großbritannien zu sichten: solid steel made in Britain. Val McDermid zum Beispiel, die dunkle Königin der schottischen Kriminalliteratur, hat seit Mitte der achtziger Jahre gefühlt hundert absolut einwandfreie Thriller geschrieben und dabei unter anderem eine Reihe überzeugend durchknallter Serienkiller-Charaktere geschaffen. Da freut man sich direkt, in ihrem neuen Roman auf einen alten Bekannten zu stoßen: auf Jack „Jacko“ Vance, der vor zehn Jahren in „Schlussblende“ als Schlächter im Gewand eines charmanten Fernsehmoderators auftrat. Detective Carol Jordan und Polizeipsychologe Tony Hill haben ihn damals lebenslänglich hinter Gitter gebracht.

Und jetzt: „Vergeltung“ (Aus dem Englischen von Dory Styron. Knaur, München 2012, 503 S., 10,99 €). Es beginnt damit, dass Jack Vance aus einem der bestgesicherten Gefängnisse Großbritanniens ausbricht. Er will Rache nehmen, unter anderem an Carol Jordan und Tony Hill. Wir kennen Jack Vance ja schon, darum ist das keine Überraschung: Nachdem er in den letzten Jahren in seiner Zelle viel Zeit zum Nachdenken hatte, ist er auf einige wirklich grausame Ideen gekommen. Anstatt die Ermittlerin und den Psychologen direkt zu attackieren, greift er Menschen aus ihrem Umfeld an, Freunde, Verwandte, Kollegen, und bereits nach dem ersten Drittel des Romans werden die beiden von einer Welle aus Hass, Schmerz und Trauer überrollt. Tony Hill und DCI Jordan haben allerdings nicht nur mit Jack Vance zu tun. Sie verfolgen gleichzeitig die Spur eines Mannes, der Prostituierte ermordet, arbeiten also parallel an zwei Fällen, was den Stresspegel beim Lesen noch einmal ordentlich erhöht.

Darf es noch ein Psychopath mehr sein? Solchen adrenalinkickenden Doppelermittlungen begegnet man in letzter Zeit übrigens immer häufiger. Handwerklich sehr elegant macht das das Autoren-Ehepaar Nicci Gerard und Sean French, das seit den späten Neunzigern unter dem Pseudonym Nicci French auftritt. Richtig gut: Ihre neue Serie um die komplexbeladene Londoner Psychotherapeutin und Teilzeit-Profilerin Frieda Klein, die mit „Blauer Montag“ begann und nun – wer denkt sich bloß diese bescheuerten deutschen Titel aus? – mit „Eisiger Dienstag“ (Aus dem Englischen von Birgit Moosmüller. C. Bertelsmann, München 2013, 522 S., 14,99 €) fortgesetzt wird.

Es gibt einen übergreifenden Handlungsstrang, der die auf siebe Bände angelegte Reihe zusammenhält, so wie das heute vor allem in Fernsehserien üblich ist. Dean Reeve, der Serienkiller, der in „Blauer Montag“ ein Kind entführt und ermordet hat, tritt in „Eisiger Dienstag“ wie ein böser Geist erneut ins Leben von Frieda Klein – und man beginnt zu ahnen, dass es eine tiefere Verbindung zwischen den beiden Figuren gibt. Zugleich wird ein klassischer Whodunnit erzählt: Ein Trickbetrüger ist brutal ermordet worden, und jedes seiner Opfer könnte der Täter sein. Verrückt, dass ausgerechnet Serienkiller-Romane, die naturgemäß bereits viele Tote zu verzeichnen haben, auch noch durch blutige Zweithandlungen aufgebohrt werden müssen. „Realistisch“ ist das eigentlich nicht, obwohl ... – die Realität kommt einem ja zuweilen auch unwirklich vor.

Die Figur des Jack Vance hat Val McDermid nach eigenen Angaben Ende der neunziger Jahre nach dem Vorbild von Jimmie Savile geschaffen, dem BBC-Moderator, der später (!) in den Verdacht des sexuellen Missbrauchs geriet. Dass sie den ach-so-netten Medienstar früh durchschaut hat, bringt der Autorin jetzt nicht nur Anerkennung ein. Als McDermid kurz vor Weihnachten an der University of Sunderland einen Vortrag hielt, bat sie eine ältere Frau mit einer auffällig blonden Perücke um eine Autogramm – auf einem Foto von Jimmy Savile. Val McDermid weigerte sich, worauf die Frau ein Glasfläschchen aus der Tasche zog, die Schriftstellerin von oben bis unten mit schwarzer Tinte bespritzte – und anschließend die Flucht ergriff. Die Polizei von Northumbria ermittelt noch.

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