Verbrecher JAGD : Jugend im Stahlbad

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Morgen wirst du sterben“: Der Titel würde ganz gut zu einem dieser betont verstörenden Serienkiller-Romane von Sebastian Fitzek oder Arno Strobel passen. Der Klappentext geht in die gleiche Richtung. Eine Gruppe junger Frauen und Männer bekommt Drohungen per Mail und SMS: „Was vergangen ist, ist nicht vergessen. Es kommt wieder. Es holt dich ein.“ Das klingt vielversprechend! Aber bevor Sie jetzt in die nächste Buchhandlung rennen, sollte ich Ihnen vielleicht noch sagen, in welcher Abteilung Sie sich umgucken müssen. Gina Mayers „Morgen wirst Du sterben“ (Ravensburger Buchverlag 2013, 347 S., 12,99 €) steht nicht bei den Krimis, sondern – korrekt einsortiert! – im Regal mit den Kinder- und Jugendbüchern. Hier ist zurzeit jede Menge Verbrechen für Teenager im Angebot. Ob es um Terroristen, Kinderhandel oder Psychopathen geht: Der Thriller ist dabei, sich ein jüngeres Lesepublikum zu suchen.

Das ist erst einmal ein Marktphänomen. Kinder- und Jugendbuchverlage haben in den letzten Jahren ein gewaltiges Umsatzplus verzeichnet – All-Age-Titel wie „Harry Potter“, „Die Tribute von Panem“ oder die „Biss“-Trilogie brachten eine Menge Geld in die Kassen. Jugendliche Megaseller, die auch Mama und Papa gerne lesen, sind jedoch eher Zufallstreffer. Daher setzen Verlage wie Ravensburger, Loewe oder Thienemann neuerdings lieber auf die berechenbare Mischung aus jugendlicher Zielgruppe und erwachsenen Genres: Fantasy, Science Fiction, Romantik – und Krimis. Die Autoren sind Grenzgänger: Ursula Poznanski, die mit ihrem verstörenden Rollenspiel-Thriller „Saeculum“ 2011 einen U18-Bestseller gelandet hat, schreibt auch für Erwachsene. Elisabeth Herrmann hat neben einer Reihe von „echten“ Krimis – allen voran „Das Kindermädchen“ – mit „Lilienblut“ und „Schattengrund“ bereits zwei Psychothriller für Teenager vorgelegt.

Wie funktioniert das? Die meisten dieser Bücher sehen nicht nur aus wie erwachsene Thriller, sie fühlen sich beim Lesen auch so an – weil sie knallhart den Konventionen des Genres folgen. Die Atmosphäre ist düster, scharfe Schnitte und gut getimte Cliffhanger machen Tempo, und explizite Gewaltdarstellungen gehören gerne dazu: William Richters „Deine Augen dein Tod“ zum Beispiel (Aus dem Amerikan. von Katrin Stier, Fischer FJB, Frankfurt/Main 2013, 457 S., 18,99 €) richtet sich an eine schulpflichtige Leserschaft und präsentiert trotzdem gleich zu Beginn eine Leiche in einer dunklen Seitenstraße in Manhattan. Und auf Seite 101 findet in einem Straflager in Sibieren ein kleines Massaker statt. Es geht unter anderem um Diamtenschmuggel und die Mafia. Und um viele weitere Tote.

Der Generation Smartphone braucht man halt nichts mehr vorzumachen. Interessant ist eher, wie sich die aktuellen Junior-Krimis gleichzeitig bemühen, die tendenziell anstrengende Lebenswelt ihrer Zielgruppe abzubilden. In Katja Brandis’ aktuellem Titel „Und keiner wird dich kennen“ (Beltz & Gelberg, Weinheim, Basel 2013, 393 S., 16,95 €) wird eine handfest brutale Geschichte über einen Stalker erzählt und über eine Familie, die in ein Opferschutzprogramm aufgenommen wird. Das ist die neue Härte im Jugendbuchregal. Ich selbst – ein Ü40-Kritiker – hatte beim Lesen allerdings das Gefühl, dass der eigentliche Thrill eher in den Beschreibungen des Teenageralltags liegt.

Das ist Sozialstress pur. Die jugendlichen Protagonisten haben nicht nur die ganze Zeit mit Facebook-Postings und originellen Blog-Einträgen zu tun. Sie müssen auch noch ambitionierte Schulprojekte an den Start kriegen, nach dem Basketballtraining mit einem Talentscout plaudern und sich in der Pause elegant zwischen Mobbing-Opfern, Next-Topmodel-Kandidatinnen und total netten Jungs positionieren, die auch mal Gefühle zeigen können. Die Jugend im 21. Jahrhundert ist ein Stahlbad: Wer das übersteht, der nimmt es auch mit gewaltbereiten Psychopathen auf.

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