Verbrecher JAGD : Kriminologische Wanderungen

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Diese Geschichte hätte es normalerweise nicht in den Literaturteil geschafft. Im Jahre 2005 gründet ein Mann namens Jens Seeling in Frankfurt am Main den Jens Seeling Verlag und veröffentlicht ein Buch von einem gewissen Jens Seeling. Um solche Ein-Mann-Unternehmen, in denen der einzige Autor zufällig auch der Verleger ist, macht man am besten einen großen Bogen – außer man interessiert sich für Verschwörungstheorien, gemeingefährliche Gesundheitsratschläge und gut gemeinte Lyrik. Oder für die Erdgeschichte der Rhein-Neckar-Region: „Heidelberg – Geologische Wanderungen“, das war der erste Titel des Jens Seeling Verlags. Ich habe mir damals kein Rezensionsexemplar bestellt.

Dann passiert es. Zwei Jahre später liegt ein Krimi in der Post. „Nebenan ein Mädchen“, das Debüt von Stefan Kiesbye, einem Deutschen, der seit Jahren in den USA lebt und seinen ersten Roman zunächst auf Englisch veröffentlich hatte: eine Coming-of-age-Geschichte mit Anklängen an Rick Moodys „Eissturm“ und Stewart O’Nans „Engel im Schnee“, nur vor einer deutscher Kulisse. Es sind die siebziger Jahre in einer Kleinstadt in Niedersachsen, ein langer, heißer Sommer, mit einer Mischung aus befreiter Sexualität und unterdrückter Gewalt. Die Erwachsenen treffen sich zu freizügigen Pool-Partys, während die Kinder durch die eintönige Umgebung streifen, in verlassenen Bunkern spielen und schließlich auf ein gefährliches Geheimnis stoßen.

Das Buch wird zum Überraschungserfolg. „Nebenan ein Mädchen“ hält sich über Monate an der Spitze der „KrimiWelt“-Bestenliste, und die Rezensenten feiern nicht nur den Autor, sondern auch denjenigen, der diesen Debütroman aus dem amerikanischen Exil nach Hause gebracht hat. Richtig: Jens Seeling. Der mit den „Geologischen Wanderungen“.

Was ist hier eigentlich passiert?

Alles Zufall, sagt Jens Seeling am Telefon. Das ist seine Geschichte: Er studiert – Geologie! In Heidelberg! –, und nach der Promotion macht er ein Volontariat in einem Fachbuchverlag. Dann arbeitet er freiberuflich als Lektor und Übersetzer, und schließlich gründet er mit vierzig Jahren seinen eigenen Verlag. Das erste Buch schreibt er selbst, mit Material, das noch aus seiner Studienzeit stammt: „Ein Testballon“. Das nächste Buch stammt von seinem Vater: Hans-Peter Seeling, „Im Vorübergehen“. Es sind Gedichte. Tja. Und jetzt? Jens Seeling macht sich auf die Suche nach einer Nische. Vielleicht Musik? Er veröffentlicht eine Biografie über Serge Gainsbourg und ein Buch über Gram Parsons. Oder Krimis? Die liest er selbst, und als er im Internet auf der Suche nach Nachschub aus Amerika ist, stößt er auf „Next door lived a girl“. Jens Seeling sichert sich die Rechte für die deutsche Übersetzung.

Weitere Bücher erscheinen: Musik, ein Roman aus Südafrika, Kurzgeschichten, noch mehr Gedichte von seinem Vater, tja, und ein Band über Dinosaurierfunde im Odenwald. Vielleicht war „Nebenan ein Mädchen“ doch nur ein Ausreißer?

Dann wird in diesem Herbst wieder ein Krimi ausgeliefert: „Scheiterhaufen“ von Derek Nikitas (aus dem Amerikanischen von Jens Seeling, Seeling Verlag, Frankfurt am Main 2010, 364 Seiten, brosch., 15 €). Es ist noch ein Debüt – und noch eine Geschichte über das Erwachsenwerden. Diesmal spielt sie tatsächlich in den USA, in Monroe County, New York. Lucia ist 16 Jahre alt, als ihr Vater bei einem Raubüberfall neben ihr auf dem Fahrersitz seines Autos erschossen wird. Am Tag darauf findet sie zu Hause in einem Versteck einen Umschlag mit 5000 Dollar. Es ist der erste Hinweis darauf, dass die Ehe ihrer Eltern nur eine Fassade war. Damit beginnt ein langer, blutiger Albtraum.

Auf jeder Seite schiebt Derek Nikitas seine Protagonisten – Lucia, eine ausgebrannte Polizistin und ein gewaltbereites Rockerpärchen, das seine Seele schon vor langer Zeit an den Teufel verkauft hat – näher an den Rand eines Abgrunds aus Brutalität, Hoffnungslosigkeit und Niedertracht: neo-noir, bedrückend und finster. Mit Derek Nikitas und „Scheiterhaufen“ hat Jens Seeling den nächsten Treffer gelandet. Er hat offenbar das richtige Gespür. Was soll’s: Jetzt lese ich auch die Gedichte seines Vaters. Beide Bände. Und dieses Buch über Heidelberg.

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