Verbrecher JAGD : Schmutziges London

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London ist eine dreckige Stadt. Jeden Tag pumpt das Klärwerk Deepham eine viertel Million Kubikmeter Abwässer in den River Lea, nur einen Steinwurf entfernt vom neuen Olympiastadion. Jetzt wird der Fluss ausgebaggert: „Man will schließlich nicht, dass die IOC-Würdenträger die Scheiße riechen müssen“, erklärt einer der Polizisten, die am Ufer stehen. Der Schwimmbagger hat am frühen Morgen einen BMW aus dem Wasser gezogen. Er gehört einem Banker. Nach seiner Leiche wird noch gesucht.

Zwei Monate vor den Olympischen Spielen gibt es eine Reihe von Thrillern, die London in den Mittelpunkt stellen. Drei muss man lesen. Zuvorderst Michael Robothams „Der Insider“ (Aus dem australischen Englisch von Kristian Lutze. Goldmann, München 2012, 538 S., 14,99 €). Hier wird London als gigantisches Finanzklärwerk porträtiert, in dem schmutzige Geldströme aus der ganzen Welt zusammenlaufen und anschließend zurück in die Märkte gepumpt werden. Nach der Bankenkrise liegt die Londoner City am Boden, nur das alteingesessene Haus Mersey Fidelity hat den Sturm ohne Schäden überstanden – weil es sich darauf spezialisiert hat, im großen Stil Geld zu waschen: amerikanische Wiederaufbauhilfen für den Irak, die von Terroristen aus dem Land geschafft wurden. Um Attentate zu finanzieren. Auch in London.

Fiktion? Das Terror-Phantasma bestimmt längst die Wirklichkeit. Mit Blick auf Olympia werden zur Zeit Boden-Luft-Raketen auf Londoner Wohnhäusern installiert, Kriegsschiffe ankern auf der Themse. Glaubt man den Sandkastenspielen von Autoren wie Michael Robotham, geht die größte Gefahr aber nicht von einem Selbstmordanschlag oder einer schmutzigen Bombe aus, sondern von hochexplosiven Bankkonten.

Ein smartes Sell-off-Szenario entwirft der Newcomer Oliver Harris in seinem Debüt „London Killing“ (Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Blessing Verlag, München 2012, 478 S., 19,95 €). Ein russischer Oligarch versucht den altehrwürdigen Park Hampstead Heath zu kaufen, um dort einen Casino-Komplex mit Rennbahn zu errichten. Dagegen ist die Turbo-Gentrifizierung im Vorfeld von Olympia gar nichts. Harris zeigt, wie aus der britischen Hauptstadt ein Amüsierpark für die Superreichen gemacht werden könnte. Mittendrin: ein Polizist mit Spielschulden, der einen Teil der Schmiergelder abgreifen und waschen will. Die logistische Infrastruktur ist in London kein Problem. Die Zwei-Personen-Firma Ocean Ltd. in Hampstead bietet „diskrete Lösungen“ für „Vermögensschutz“ an: Offshore-Konten auf den British Virgin Islands oder Antigua. „Sonst noch was? Ein virtuelles Büro in einer Stadt Ihrer Wahl als Postadresse und Anrufservice kosten etwa siebzig Pfund im Monat.“

London ist die Hauptstadt der schmutzigen Geschäfte – auch in Peter Temples Spionage-Meisterwerk „Tage des Bösen“ (Aus dem australischen Englisch von Sigrun Zühlke. C. Bertelsmann, München 2012, 439 S., 14,99 €.). Dem südafrikanischen Personenschützer Constantine Niemand fallen Videoaufnahmen in die Hände, die ein amerikanisches Massaker in Afrika zeigen. Er fliegt nach London, um den Film zu verkaufen – und gerät sofort zwischen die Fronten. CIA, MI6 und die Vertreter eines großen Pharma-Kartells machen Jagd auf Niemand, der schon bald an seine Söldner-Einsätze im Kongo erinnert wird. Bewaffnete Männer mit Skimasken hetzen ihn in Battersea über die Dächer der Mietshäuser: „Mitten in London. So ein verdammter Nachtkampfscheiß.“

London aber ist nur ein Nebenschauplatz in „Tage des Bösen“. Der eigentliche Ort der Handlung ist Hamburg, wo die Firma Weidermann & Kloster Informationen an Geheimdienste und andere Interessenten verkauft. In ihren Büroräumen an der Elbe wird die Jagd auf Niemand choreografiert, auf der Grundlage von Geldtransfers, personenbezogenen Daten – und den Aufzeichnungen der Überwachungskameras, mit denen London flächendeckend ausgerüstet ist. Cctv-Bilder und Listen mit Kontonummern flackern über die Monitore und zeichnen das Bild einer Stadt, in der permanent kleine, schmutzige Kriege um Geld und Informationen geführt werden. Ende Juli beginnen die Olympischen Spiele. Sauber wird London bis dahin nicht mehr.

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