Verbrecher JAGD : Spirituelle Grenzfragen

Natürlich schaue ich mir jede Folge von „Inspector Barnaby“ an. Es ist einfach zu schön, wenn am Anfang die ersten Bilder aus Badger‘s Drift, Fletcher‘s Cross oder einem der anderen lieblichen Dörfer in Midsomer County zu sehen sind. Rosengärten, Steinmauern, ein Cottage, ein Pub, und dann biegt ein sorgfältig restaurierter Bentley im Schritttempo um die Ecke. Das ist die Schmuckansicht Englands, die seit jeher mit der Geschichte des britischen Kriminalromans verbunden ist: Wenn DCI Barnaby und DS Jones im Plauderton einen Fall verhandeln, fühlt man sich zurückversetzt in einen der angenehm handlungsarmen Romane von Agatha Christie und Dorothy L. Sayers. „Cozy mystery“ nennen die Engländer dieses Untergenre der Krimiliteratur, in dem kein Mord so blutig ist, dass er nicht bei einer Tasse Tee gelöst werden könnte.

Herefordshire wäre die ideale Kulisse für einen „cozy mystery“. Die dünn besiedelte Grafschaft im Westen Englands, an der Grenze zu Wales, bietet eine hübsche Natur, und auf dem Land scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Nur die Kleinstadt Underhowle, Schauplatz von Phil Rickmans Thriller „Der Himmel über dem Bösen“ (Aus dem Englischen von Karolina Fell und Nicole Seifert. Rowohlt, Reinbek 2011, 686 S., 9,99 €), steht kurz vor dem Sprung in die Moderne. Ein Computerhersteller hat sich angesiedelt, Londoner sehen sich in der Gegend nach einem Zweitwohnsitz um, und als eine verweste Frauenleiche gefunden wird, fürchten die Einheimischen vor allem die schlechte PR. Tatsächlich gibt es Schlagzeilen in der überregionalen Presse: Der Unternehmer Roddy Lodge – der als Hauptverdächtiger in dem Mordfall gilt – entkommt bei einer Tatortbegehung der Polizei und klettert auf einen Hochspannungsmasten, um sich als „größten Serienmörder aller Zeiten“ zu bezeichnen und mit einem Stromstoß selbst zu exekutieren. Das wäre selbst für Tom Barnaby zu viel. Während die Polizei sich auf die Suche nach weiteren Leichen macht, wird Merrily Watkins eingeschaltet, die Pfarrerin des Nachbarorts. Sie ist die Exorzistin der Diözese. Oder besser gesagt: eine „Beraterin für spirituelle Grenzfragen“, wie dieses Amt heutzutage offenbar in der anglikanischen Kirche heißt.

Der „Der Himmel über dem Bösen“ ist bereits der fünfte Roman mit der Geisterjägerin, der auf Deutsch erscheint, und man versteht sofort, warum die Reihe Erfolg hat. Phil Rickman gelingt es, dem guten, alten englischen Traditionskrimi mit sparsam dosierten Horror-Elementen ein ungemütliches Update zu verpassen: mit New-Age-Fanatikern, gewaltbereiten Christen und wohlhabenden Ruheständlern, die in ihren pittoresken Landhäusern von den dunklen Schatten ihrer Vergangenheit eingeholt werden. Die Provinz als Pandämonium – das verlangt nicht nach einem weiteren netten Detective Chief Inspector, sondern nach jemandem, der mit dem Bösen auf Augenhöhe steht. Im Fall Underhowle soll die Exorzistin Merrily Watkins zunächst nicht mehr tun, als ein Gebet für den armen Sünder Roddy Lodge und seine Opfer sprechen. Doch dann trifft sie auf den Leibhaftigen persönlich: Es gibt einige beunruhigende Parallelen zwischen den Todesfällen in Underhowle und dem legendären Serienmörder Fred West, der 1941 tatsächlich in Herefordshire geboren wurde und mit seiner Frau Rose ein Dutzend Menschen ermordet hat, um sich 1995 in Birmingham im Gefängnis zu erhängen.

Phil Rickman spielt eine Weile mit dem verstörenden Gedanken, dass Fred Wests ruheloser Geist in die Landschaft seiner Kindheit zurückgekehrt sein könnte – am Ende aber benötigt Merrily Watkins ihr Fläschchen Weihwasser gar nicht. Denn nicht der Wiedergänger eines Serienmörders ist für die Toten in Underhowle verantwortlich. Es sind die ehrgeizigen Einwohner der aufstrebenden Kleinstadt selbst, die hinter den renovierten Fassaden ein gefährliches Spiel um Macht und Geld und Einfluss in Gang gesetzt haben. In England hat der Teufel es sich auf dem Land richtig gemütlich gemacht.

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