Verbrecher JAGD : Zeugen der Gewalt

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Es ist gerade wieder passiert. Teenager schlagen in Berlin einen Malergesellen halb tot. Mehrere Passanten beobachten den Überfall, aber niemand greift ein: „bystander effect“ nennen Psychologen dieses Phänomen, bei dem eine Gruppe von Menschen einem Opfer in einer Gefahrensituation nicht zu Hilfe kommt. Das bekannteste Beispiel ist der Mord an Kitty Genovese, die am frühen Morgen des 13. März 1964 in New York erstochen wurde. Sie war nicht sofort tot. Sie schrie nach den ersten Messerstichen zehn Minuten lang um Hilfe, bis der Täter sie ein zweites Mal attackierte und diesmal lebensgefährlich verletzte. Später stellte sich heraus, dass mindestens zwölf Personen, die in der Nachbarschaft lebten, Zeuge des Überfalls wurden. Keiner von ihnen schritt ein.

Gleich zwei Krimis setzen jetzt auf diesen Fall auf. Der Amerikaner Ryan David Jahn konzentriert sich in „Ein Akt der Gewalt“ (Aus dem Englischen von Teja Schwaner. Heyne, München 2011, 269 S., 19,99 €) auf die Ereignisse zwischen „drei Uhr achtundfünzig“, als Kitty Genoveses Schicht in einer Bar endet, bis zu ihrem Tod, eine knappe Stunde später. Die Details stimmen. Beim Personal nimmt Jahn sich jedoch Freiheiten: Aus Kitty Genovese wird „Katrina Marino“, und die Augenzeugen bekommen nicht nur neue Namen, sondern auch exemplarische Lebenssituationen verpasst, die den Zeitgeist der frühen sechziger Jahre spiegeln: Patrick zieht in den Vietnamkrieg, Thomas und Christopher sind schwul und befürchten, dass ihre Nachbarn ihre Beziehung bemerken, während Peter und Anne an der neuen heterosexuellen Freizügigkeit gescheitert sind und nach einer Swinger-Party einen Ehestreit haben. Und alle hören Katrina Marino alias Kitty Genovese um Hilfe schreien: „Sollten wir die Polizei rufen?“– „Ich bin sicher, das hat schon jemand getan.“ Eine Gesellschaft im Umbruch, und ihre Individuen sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie einen Mord in ihrer Nachbarschaft ignorieren: Ryan David Jahn – 1979 geboren, 15 Jahre nach dem Mord – hat sich für eine historisierende Lesart entschieden.

Auch der 1945 geborene französische Schriftsteller und Drehbuchautor Didier Decoin interessiert sich für das Zeitkolorit. Zu Beginn von „Der Tod der Kitty Genovese“ (Aus dem Französischen von Bettina Bach. Arche, Zürich, Hamburg 2011. 159 S., 19,90 €) lässt er die heile Welt von Kew Gardens, Queens, wiederauferstehen – einem „friedlichen Kleinplaneten“ im Herzen New Yorks, mit grünen Bäumen und Häusern im Tudor-Stil. Hier ist Kitty Genovese gestorben. Decoins Roman setzt einige Tage nach ihrem Tod ein, erzählt aus der Perspektive eines erfolglosen Schriftstellers. Er besucht den Prozess gegen den Täter Winston Moseley – einem Afroamerikaner, der im Laufe der Gerichtsverhandlung weitere Gewalttaten gesteht –, er verfolgt die empörten Berichte in der „New York Times“, in denen der Mord an Kitty Genovese zum Testfall für die Zivilgesellschaft hochgeschrieben wird, und er ist fasziniert von den Versuchen seiner Nachbarn, ihr Schweigen zu rechtfertigen. Der eine behauptet, nicht mehr als ein „streitendes Liebespaar“ gesehen zu haben, ein anderer hat die Schreie für die Geräusche einer „Horde von Katzen“ gehalten, und dann gibt jemand zu Protokoll, dass die Hilferufe ihn so sehr gestört haben, dass er das Radio lauter gedreht habe.

„Der Tod der Kitty Genovese“ ist eine Studie über Ignoranz. Und mehr: Decoin beschreibt den Mechanismus, mit dem vermeintlich „unverständliche“ Gewalttaten gesellschaftsfähig gemacht werden. Das war 1964 in Kew Gardens nicht anders als bei dem brutalen Überfall auf dem U-Bahnhof Lichtenberg vor einigen Wochen. Indem die Zeugen von den Beobachtern zweiter Ordnung – den Medien bzw. der sogenannten aufgebrachten Öffentlichkeit – zu Sündenböcken gemacht werden, verschwindet der Akt der Aggression hinter einer moralisch abgesicherten Diskussion über „Zivilcourage“. Das entlastet: Über die Gewalt selbst muss man nicht mehr reden. Der Kriminalroman hat die Möglichkeit, diesen Prozess wieder umzukehren, indem er den Leser zum „bystander“ macht. Beide Bücher enthalten dann auch Passagen mit sehr genauen, sehr schwer zu ertragenden Beschreibungen von Kati Genoveses Martyrium.

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