Kultur : Verbrüdert euch!

Patrice Chéreau und Pierre Boulez suchen in Wien das Menschliche in Janaceks „Aus einem Totenhaus“

Joachim Lange

Wenn die Wiener mit ihren Festwochen zulangen, dann gleich richtig. Da inszeniert der Intendant des immer noch prestigeträchtigen Unternehmens, Luc Bondy, Shakespeares „King Lear“ nicht ohne einen Gert Voss in der Hauptrolle. Und in der einen zentralen Opernproduktion sicherte man nicht nur dem Theater an der Wien das Recht der ersten Nacht für eine Janacek-Rarität, die von hier aus auf Welttournee nach Amsterdam, Aix-en-Provence, New York und Mailand gehen wird, nein, für die letzte und altersbesondere Oper des Komponisten, „Aus einem Totenhaus“, brachte man mit Pierre Boulez und Patrice Chéreau nach dreißig Jahren ein Operntraumpaar erstmals wieder zusammen: 1976 hatten der revoluzzernde Komponist Boulez als Dirigent und das damals von der Oper fast unbeleckte Jungtalent Chéreau bei den Bayreuther Festspielen ihren „Jahrhundert-Ring“ herausgebracht.

Inzwischen, eine ganze Opernepoche später, fasziniert der eine, längst jenseits der Achtzig, mit seiner Souveränität und Gelassenheit für Neues, rückt etwa keinen Millimeter von seiner Rückkehr auf den Grünen Hügel zu Schlingensiefs Parsifal ab. Und auch der Jüngere (63), ist längst selbst in die Sphären der Meisterschaft vor allem in Film und Schauspiel aufgestiegen. Er wurde für seine „Così fan tutte“-Inszenierung in Aix-en-Provence 2005 von manchem gar als Retter der Oper gefeiert. Was etwas übereifrig war, da allenfalls perfekt historisierendes Handwerk geboten wurde. Chéreau war jetzt jedenfalls der Wunschkandidat für Boulez’ erklärtermaßen letzte Operneinstudierung. Und er war ein Glücksfall. Offenbar können diese beiden Franzosen immer noch gut miteinander. Denn was jetzt bei den Wiener Festwochen enthusiastisch gefeiert wurde, lässt sich nur miteinander zustande bringen.

Musikalisch taucht Pierre Boulez mit dem Mahler Chamber Orchestra ohne Zurückhaltung und mit Vehemenz in die atmosphärische Musik ein, setzt auf Transparenz in ihren Schichtungen, zeichnet das Episodische der Einzelschicksale genau nach und sucht doch nach dem großen Bogen, der eigentlich ein großes Kreisen in der Unentrinnbarkeit eines exemplarischen Lagerschicksals ist. Aus einem Totenhaus, so wie es sich Leos Jancek aus Dostojewskis Roman zusammengestellt hat, ist keine Oper im klassischen Sinne. Es bleibt vor allem erinnertes Leben in einem Straflager, das für fast alle seiner Insassen wohl die Endstation bleiben wird. Der eine politische Gefangene Alexander Petrowitsch Gorjantschikow (Olaf Bär), der nach anfänglicher demonstrativer Erniedrigung und dem Versuch, sich anzupassen und dennoch seine Würde zu bewahren, wieder entlassen wird, macht die Aussichtlosigkeit ihrer Lage für die anderen nur noch bedrückender.

Richard Peduzzi hat dafür einen Raum der betongrauen Unentrinnbarkeit gebaut. Scheinbar endlos hohe Mauern mit schmalen Öffnungen, die sich manchmal unmerklich, mal mit großem Effekt bewegen, sich nach hinten zu öffnen und doch nie den Blick auf die Welt draußen oder auch nur ein Stück Himmel freigeben.

Die Faszination von Chéreaus Inszenierung liegt in der Genauigkeit mit der er noch den letzen Choristen führt, mit der er Machtspielchen unter den Gefangenen zeigt, aber auch die Individualität und die Geschichte jedes einzelnen nachzeichnet. Er verfällt nicht auf eine plakative Aktualisierung und bebildert dieses kurz vor dem Tod des Komponisten 1928 fertig gestellte Werk nicht mit den in der Realität des 20. und 21. Jahrhunderts nachgelieferten Variationen zum Thema. Und siehe da: es funktioniert in seiner ungefähren Gegenwart (Kostüme: Caroline de Vivaise) auch ohne schwarze Ledermäntel oder orangene Overalls als eine in ihren kleinen Siegen der Menschlichkeit zutiefst berührende Geschichte. Aleja, der lesen lernt und niedergestochen wird; der ganz alte Sträfling, der einen nachgebauten Adler als Freiheitssymbol hütet; die Flucht in die andere Realität beim Theaterspiel – das prägt sich ein. Keine graue Masse entrechteter Menschen wird hier zur mitleidenden Parteinahme in einem Zirkus der Grausamkeiten vorgeführt, sondern es werden – wohltuend altmodisch – Menschenschicksale berührend nachgezeichnet.

Der internationale Opernwanderzirkus hat mit dieser Produktion zwar ein für seine Bedürfnisse passfähiges, aber eben doch auch gelungenes Prachtstück zum Durchreichen. Und die Opernmetropole Wien vielleicht die Chance, endlich ihre gänzlich überholte Janacek-Abstinenz zu überwinden. Und die sonst stets vor Selbstbewusstsein strotzende Staatsoper hat nichts damit zu tun!

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