Kultur : Verdacht und Verrat

Die Malerin Cornelia Schleime beschwört in ihrem Erzähldebüt „Weit fort“ die Nähe der DDR

Jörg Magenau

Manchmal geht es so mit der Liebe: Kaum hat sie begonnen, ist sie auch schon zu Ende. Einer wendet sich ab und geht, ohne zu sagen warum. So weit ist auch diese Liebesgeschichte nicht ungewöhnlich, zumal sie über eine Partnerbörse im Internet in Gang kommt. Da darf man sich nun wirklich nicht beklagen, wenn es schief gehen sollte. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn was als bloße Verwirrung der Gefühle in der Gegenwart beginnt, führt weit zurück in die Vergangenheit. Es ist zweifellos ihre eigene Geschichte, die Cornelia Schleime, 1953 in Berlin geboren, in ihrem literarischen Debüt verarbeitet.

Bekannt ist Cornelia Schleime als Malerin, deren Karriere in der DDR begann. In den siebziger Jahren studierte sie Kunst und Grafik in Dresden. Dort lernte sie Sascha Anderson kennen, der zu ihrem engsten Freundeskreis gehörte. Bald hatte sie mit einem Ausstellungsverbot zu kämpfen, sang in einer Punk-Band und stellte schließlich einen Ausreiseantrag. Mit nichts als einem Kind und einem Koffer in der Hand kam sie im September 1984 nach West-Berlin. All ihre Bilder, die bis dahin entstanden waren, musste sie zurücklassen. Sie sind verloren gegangen. Erst nach der Wende erfuhr sie, dass ihr Freund Sascha Anderson Stasi-IM gewesen ist und auch sie verraten hat. In einem Dokumentarfilm über Anderson wurde eine Begegnung mit Cornelia Schleime inszeniert, von der Anderson nichts ahnte. In seiner Überraschung ließ er sich zum ersten Mal ein Geständnis entlocken, nicht ohne hinzuzufügen, dass er die Erfahrung des Doppellebens „nicht missen“ wolle.

Dieser Film – und die ganze übrige Geschichte – spielt nun eine zentrale Rolle in „Weit fort“, dessen Titel eher ironisch oder als frommer Wunsch zu verstehen ist. Denn es geht ja im Gegenteil darum zu zeigen, wie nah die Vergangenheit immer noch ist und welche Macht sie auf heutige Geschehnisse und Gefühle ausübt. Das Versteckspiel geht dieses Mal aber von der Protagonistin aus. Clara Formella, so der etwas überdrehte Name des Alter Ego, nennt sich Nora, um sich im Internet- Forum der Partnersuchenden einzuloggen. Sie tritt ihm, der seinen Klarnamen Ludwig und seinen Beruf als Wetter- Mann in einem bayrischen Lokalsender angibt, erst einmal getarnt gegenüber. Für ihn interessiert sie sich, weil er im Fragebogen unter der Rubrik „Worauf reagieren Sie allergisch?“ mit „Seelische Verletzungen“ geantwortet hat. Da hätte sie eigentlich wissen müssen, dass sie, die so tiefe Verletzungen mit sich herumträgt, bei ihm allergische Reaktionen auslösen wird.

Die Gefühle entwickeln sich zunächst per E-Mail: Das ist die moderne Form des Briefromans. Bald kommt es zur ersten Begegnung, zu einem im Bett verbrachten Wochenende in Claras Brandenburgischem Landhaus. Beide empfinden es als ein Wunder, wie aus der virtuellen Nähe im Netz körperliche Nähe, Begehren, ja Liebe entstehen.

Auch Ludwig stammt aus der DDR. Das verbindet und trennt. Er zeigt ihr den Ort seiner Kindheit im Ost-Berliner Nobelviertel „Hessenwinkel“. Seltsam nur, dass er das Haus, in dem er damals lebte, nicht wiederfinden kann. Seltsam auch, dass Clara über sein Berufsleben in der DDR nichts erfährt. Die Leerstelle fällt ihr erst später auf. Sie zeigt ihm den Film über Anderson (dessen Name im Buch kein einziges Mal genannt wird). Ludwig äußert sich dazu nicht. Er reist ab und ist von da an nicht mehr für sie zu sprechen.

Ob etwas dran ist an ihrer Vermutung, er sei Stasi-Hauptmann oder ähnliches gewesen und wolle sich dieser Vergangenheit nicht stellen, bleibt offen. Vieles an diesem Buch bleibt vage und unbestimmt. Schleime geht es um die fortwirkende destruktive Kraft der Elemente, die schon das Leben in der DDR vergifteten: Verdacht und Verrat. Weil Ludwig schweigt, muss Clara diese Leere mit ihren Bedeutungsvermutungen füllen. Alles wird ihr nun zum Indiz. Sie studiert den Briefwechsel mit Ludwig noch einmal, um zwischen den Zeilen seine Geheimnisse zu ergründen. Wenn er im Fernsehen auftritt, erscheinen ihr sogar die Berge und Bäume im Wetterbericht mit seiner Geschichte aufgeladen zu sein. Die Dinge haben ihre Unschuld verloren.

Leider verliert auch die Erzählung von da an mehr und mehr ihre Linie und die Erzählerin die Konzentration. Weil eigentlich alles längst erzählt ist, bleibt nur noch das Räsonnement und das Ausweichen in metaphorische Sprachbilder, die nicht immer gelungen sind. Cornelia Schleime schreibt die Sascha-Anderson-Geschichte von sich weg, indem sie eine andere Geschichte darüberlegt.

Das Repetitive, das bei der Lektüre ermüdet (obwohl es sich um ein schmales Buch handelt), ist deshalb wohl erforderlich. Erinnern, wiederholen, durcharbeiten, heißt das Prinzip der Psychoanalyse. Das ist nicht immer das beste erzählerische Mittel.

Cornelia Schleime: Weit fort. Roman. Hoffmann & Campe, Hamburg 2008. 112 Seiten, 14,95 €.

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