Kultur : Verdammisch noch mal!

CHRISTOPH FUNKE

Sächsische Leitsätze künden von einer Lebensart, der gemütliche, wenn auch nicht völlig wehrlose Gelassenheit oberstes Prinzip ist.Den Sachsen erschüttert nichts, weil er seinen widerständigen Kern wohl immer brav versteckt, aber niemals preisgibt.Also: "Wenns so rum nicht geht, dann gehts eben anders, irgendwie gehts immer!" Nach der Besichtigung von Jürgen Harts Revue in 18 Bildern "Augen zu und durch" im Chemnitzer Schauspielhaus regt sich da, nu freilich, nagender Zweifel.Denn was der nicht nur freistaatweit gefeierte Kabarettist und Dichter des vermutlich unsterblichen Sachsen-Liedes da zusammengewerkelt hat, geht so rum nicht und andersrum nicht und irgendwie schon gar nicht.Auch Sachsen-Spruch Nummer 2 hilft nicht weiter: "Wir nehmen den Rest und machen was draus." Denn wo bleibt da ein Rest? Aber der Reihe nach.Hart spielt in seiner Revue selber mit, als der "kleine Mann" Bätzold.Der hat in der linken Ecke des Proszeniums eine Küche, verfertigt Kartoffelsalat (grün-weiß) und kocht Bliemchenkaffee.Dann ist er noch Entertainer und läßt auf der Bühne, quasselnd und nörgelnd und mit dem Publikum biedernd, die Puppen (14 Damen und Herren des Ensembles) tanzen.So lange, bis die ganze sächsische Geschichte fein aufgearbeitet ist, in den versprochenen 18 Bildern.Und das sollte alles nicht genug Rest sein, aus dem etwas zu machen wäre?

Zerlatschte Pointen aber sind irgendwie unappetitlich.Hart und sein Alter ego Bätzold treiben fast drei Stunden lang (die Pause eingerechnet) nichts anderes als Pointen zu zerlatschen, breit zu machen.So sind, schön umständlich, Friedrich der Streitbare und Friedrich der Sanftmütige, verewigt in Meißener Porzellan auf dem berühmten Dresdner Fürstenzug, dazu ausersehen, 900 Jahre sächsischen Existierens aufzudröseln.Schon der Auftakt dazu ist ungemein lustig.Zitat Friedrich 2: "Es ist zum Kotzen, keine Sau kennt uns.Ich bin Friedrich der Sanftmütige, verdammisch noch mal! Das kann ja eine schöne Geschichte werden!" Es wird eine.Mit Bauern und Funktionären, Franzosen und Wismut-Kumpeln, Martin Luther und Walter Ulbricht, Heinrich Schütz und dem starken August, roten Revolutionären, singenden FDJlern und blütenweißen Engeln.Es öffnen sich Luken, ein Ballon steigt in den Bühnenhimmel, der fürstliche Kanonenofen speit Feuer, aus bürgerlichen Stühlen entfaltet sich ein Automobil.Nicht zu vergessen: auch der derzeit regierende König Kurt Biedenkopf findet gebührende Erwähnung.Revue eben, bunt und spaßig und deftig und albern.Es gibt kein Erbarmen, denn: "Der Sachse bleibt da eisern / Er kann sich selbst verscheißern."

Nach hinten kennt man die Historie, nach vorne nicht.Auf diesen dialektischen Kniff wollte Jürgen Hart sein dramatisches Werk wohl gründen, aber er liefert immer nur Kalauer.Luther, der Hunger hat und die sächsisch-deutsche Sprache nicht erfinden will.Schütz, dessen Kompositionen im letzten Wärmespender des frierenden Fürstenpaares verbrannt werden.Napoleon, der aufs schauderhafteste im französisch-sachsendeutschen Sprachmix radebrecht.UIbricht erzählt seiner Lotte Witze und freut sich, daß endlich ein Sachse über die Preußen bestimmt.Bätzold schließlich darf darüber räsonieren, daß er auf Grund einer verlorenen Wette in die SED eintrat und es nun schlecht hat - während die Blockfreunde, wenn früher CDU, noch immer CDU sind und jetzt im Landtag sitzen ...Aus der Geschichte wird Kaffeeklatsch, die Satire ertränkt sich in der Bierpfütze.Szenen mit Witz und Ironie und Bosheit gelingen nicht - mit einer Ausnahme.Die Sitzung einer SED-Kreisleitung hat den erhellenden Hohn, die gnadenlose Genauigkeit, mit der alle Teile der Revue hätten gearbeitet werden müssen.So aber mühen sich die Darsteller in vielen Rollen und in vielen Kostümen um einen Spaß, an den sie selbst nicht glauben.Auch vier Musiker ziehen nur grämliche Gesichter und sind temperamentlos am Werke.Der Regisseur Christoph Brück (mit Mathias Reuter auch Ausstatter), die immer neue Gewandungen liefernde Kostümbildnerin Uschi Haug und die anderen im Leitungsteam der Uraufführung mögen sich Mühe gegeben haben - herausgekommen ist blutwenig.Ein Preuße dürfte das vielleicht nicht schreiben, ein Sachse darfs - nicht "zefrieden, ruhig und glicklich" wie im Sachsen-Lied, sondern erbost und "zerknietscht".

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