Verdi an der Hamburgischen Staatsoper : Alles fürs Vaterland

Im Verdi-Jahr führt die Hamburgische Staatsoper drei selten gespielte Frühwerke des Meisters auf.

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Riss in der Seele. Alexia Voulgaridou als Lida mit Yonghoon Lee (Arrigo) Foto: B. Uhlig
Riss in der Seele. Alexia Voulgaridou als Lida mit Yonghoon Lee (Arrigo) Foto: B. Uhlig

Das wäre ein ideales Projekt für die Operntritropole Berlin gewesen: „La Battaglia di Legnano“, „I due Foscari“ und „I Lombardi alla prima crociata“, drei seltenst gezeigte Werke aus Giuseppe Verdis früher Schaffensphase, präsentiert zum 200. Geburtstag des italienischen National-Tondichters! Doch die hiesigen Intendanten setzten lieber auf Altbewährtes, auf das Requiem (Komische Oper), auf „Nabucco“ und „Falstaff“ (Deutsche Oper) oder „Il Trovatore“ (Staatsoper). So heimst jetzt die Hamburger Generalmusikdirektorin Simone Young mit ihrer Verdi-Raritäten-Trilogie den Ruhm für die spektakulärste Idee zum Verdi-Jahr ein. Gemeinsam mit dem britischen Regisseur David Alden stemmt sie die drei Neuinszenierungen binnen eines Monats – ein Kraftakt à la Barenboim, bei dem Simone Young ja einst Assistentin war.

Die Premiere der „Battaglia di Legnano“ beginnt mit einem Affront. Als die Dirigentin den Orchestergraben betritt, dröhnt es aus dem Dunkel des Zuschauerraumes: „Simone, go home!“ Mag die Amtsführung der Australierin in den letzten neun Jahren nicht immer ganz glücklich gewesen sein, angesichts ihrer letzten Saison und der Tatsache, dass bereits Kent Nagano als ihr Nachfolger feststeht, solidarisiert sich das übrige Publikum mit der Maestra, bis der hartnäckige Störenfried des Saales verwiesen ist. Am Ende dann wird es viel ehrlich gemeinten Applaus geben für Simone Young, die es verstanden hat, im Orchester jene südliche Leidenschaft zu entfachen, die sich beim frühen Verdi noch vor allem in knalligen Blechbläsersätzen und feurig züngelnden Begleitfiguren der Streicher Bahn bricht. Dennoch bleibt ihr Dirigat durchweg sängerfreundlich.

Als Passepartout für alle drei Stücke hat Ausstatter Charles Edwards das Portal eines stuckverzierten Theateraltbaus auf die Bühne der modernen Hamburger Staatsoper gestellt. In der „Battaglia di Legnano“ ist das Haus schon lange von den Künstlern verlassen und wird als Lazarett genutzt. Hier trifft Rolando seinen tot geglaubten Kameraden Arrigo. Dessen Wiedersehensfreude schlägt in Verzweiflung um, als er erfährt, dass seine einstige Verlobte Rolando geheiratet hat. Nach diversen operntypischen Verwicklungen mit abgefangenen Briefen und halsbrecherischen Sprüngen aus Türmen wird Arrigo sein Vaterland retten und den Heldentod sterben. Denn eigentlich hat Verdi die 1848 komponierte Oper als große patriotische Feier konzipiert. Immer wieder wird die Einheit der Nation beschworen, vollmundig tönen die Chöre (Eberhard Friedrich), draufgängerisch schleudert Yonghoon Lee (Arrigo) seine Tenortöne dem Feind entgegen, mit noblem Pathos nimmt Giorgio Caoduro (Rolando) vor dem Waffengang Abschied von Sohn und Gattin. Letztere ist in Gestalt von Alexia Voulgaridou die wirklich Leidtragende des Stücks, schwankend zwischen zwei Männern, dazu eine vom Krieg bis ins Mark erschütterte Mutter. Rückhaltlos gibt sich die griechische Sopranistin dieser Figur hin, zaghaft in der Erinnerung an schöne Tage, im Jubel aufblühend bei der Nachricht, dass ihr Arrigo noch lebt, verzweifelt, als er sie zurückweist, außer sich im Schmerz, bis hin zum Schrei. Selten sind Opernprofis bereit, ihre Seele so aufzureißen.

Regisseur David Alden wählt den einzigen gangbaren Weg und nimmt das Werk in seinem nationalistischen Überschwang ernst, lässt konventionell-filmrealistisch spielen, reizt die dramatischen Extremsituationen bis an die Kitschgrenze aus. Große Begeisterung beim Hamburger Publikum. Frederik Hanssen

Premiere von „Foscari“ am 27.10., Premiere von „Lombardi“ am 10.11., weitere Aufführungstermine unter www.staatsoper-hamburg.de

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