Kultur : Verdrängt

„Pandoras Büchse“: eine Berliner Retrospektive auf den Spuren des polnischen Antisemitismus

Daniel Mätzschker

Zum Beispiel das reizvolle Sandomierz, gelegen zwischen Krakau und Lublin. In der Kathedrale der Stadt hängen Ölbilder eines gewissen Karol de Prevot, darunter – zwar etwas abseits, aber immer noch gut sichtbar – eines, das einen jüdischen Ritualmord an einem christlichen Knaben zeigt. Kein Kommentar ergänzt das Bild, und auch ans Entfernen denkt unter der Verantwortlichen niemand.

Das Bild steht für einige Ungereimtheiten des polnisch-jüdischen Verhältnisses. In der polnischen Geschichte war man stets stolz, dem Gegner wenigstens moralisch überlegen gewesen zu sein. Dieser Selbstbegriff ist ins Wanken geraten, seit der Pogrom von Jedwabne 1941, der von Kielce 1946 oder die Ereignisse des März 1968, als fast alle noch in Polen lebenden Juden in die Emigration gezwungen wurden, in der Öffentlichkeit debattiert werden. Das vor sechs Jahren in Polen erschienene Buch „Sasiedzi“ (deutsch: „Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne“, C.H. Beck 2001) des in Princeton lehrenden polnischen Soziologen Jan Tomasz Gross war ein Katalysator dieser Entwicklung.

Die Anerkenntnis einer Täterschaft oder zumindest Mittäterschaft polnischer Zivilisten in Jedwabne spaltet bis heute das Land. Reinigung des polnischen Selbstverständnisses oder Beschädigung des nationalen Außenbildes: Die Debatte hätte ein vorzüglicher Rahmen für die Diskussion am Dienstag im Polnischen Institut sein können – in der Retrospektive „Pandoras Büchse? Das Bild der Juden im polnischen Dokumentarfilm nach 1989“. Leider stritt man sich, zum Beispiel, lieber um Jahreszahlen. War erst nach 1989 eine Renaissance des jüdischen Lebens in Polen zu beobachten (so der Historiker Robert Traba) oder waren nicht schon Claude Lanzmanns „Shoah“ (1985) und die Dreharbeiten zu „Schindlers Liste“ 1994 einschneidende Zäsuren (Stefanie Peter vom deutsch-polnischen „Büro Kopernikus“)? Oder lassen sich nicht gar seit 1968 „dünne Fäden“ vor allem im privaten Bereich aufspüren und regionale Initiativen in den achtziger Jahren beobachten, die den „Schatten der Architektur“ ehemals jüdischer Gebäude erfragen wollen, wie Piotr Cywinski, Direktor des Museums Auschwitz-Birkenau, meint? Anhaltspunkte über Anhaltspunkte, doch Leere bleibt. „Powiedz mi, dlaczego?“ (Sag mir, warum?) hieß der Vorfilm des Abends.

Pandoras Büchse brachte das Übel über die Welt. Wie viel Unheil brachte der – auch polnische – Antisemitismus über Polen? Die Retrospektive wagt nicht nur den Blick auf die Nazi-Zeit, sondern auch in die Jahre nach 1945, als die antijüdischen Vorurteile nahezu ungebrochen weiterlebten. „Siedmiu Zydów z mojej klasy“ (Sieben Juden aus meiner Klasse) von Marcel Lozinski fragt nach den Juden, die zwischen 1956 und 1968 Polen verlassen haben. Wohin hat es sie versprengt? Andere Arbeiten widmen sich dem Ghetto-Leben während der Okkupation. So liegen der preisgekrönten Arbeit von Dariusz Jablónski, „Fotoamator“ (Der Fotoamateur), Originaldokumente – die ersten Farbdias aus dem Ghetto von Lódz –, die Erinnerungen eines jüdischen Arztes und des einstigen deutschen Buchhalters Genewein zugrunde. Nach dem Tagebuch eines der Anführer des Aufstandes im Warschauer Ghetto ist der Dokumentarfilm von Jolanta Dylewska gedreht. „Die Chronik des Aufstandes im Warschauer Ghetto nach Marek Edelmann“ greift auch auf Material der Nazis zurück. Und ist ein Versuch, die Identität des Ghettos – mit gebremstem Tempo und verzerrten Bildern – über die ästhetische Verfremdung zu erschließen.

Retrospektive im Babylon Mitte, noch bis 3. Dezember, Programmdetails unter www.polnischekultur.de/film.html

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