Kultur : Verdrängung ist überall

Deutsch–polnische Dissonanzen: Der Streit um das geplante Zentrum für Vertreibungen spitzt sich zu

Hermann Rudolph

Da geht etwas fürchterlich schief. Die Äußerungen bedeutender polnischer Intellektueller zur Debatte über den Plan eines Zentrums gegen Vertreibungen müssen in der Tat alle Alarmglocken schrillen lassen. Sie lassen an ihm kein gutes Haar. Seine Befürworter wollten den Prozess der Versöhnung zwischen Deutschen und Polen „aufhalten“ – oder „sie blenden die historische Erinnerung aus“, schreibt der Philosoph Leszek Kolakowski. Es werde ein „Denkmal des Hasses für die jungen Deutschen und nicht für die Zukunft“ werden, erklärt Bronislaw Geremek, führender Mann von Solidarnosc und früherer Außenminister. Es sei für die Polen in seiner jetzigen Konzeption nicht akzeptabel, meint selbst Janusz Reiter, der frühere Botschafter Polens in der Bundesrepublik. Es sind Persönlichkeiten, die zu den Leuchten des deutsch-polnischen Dialogs gehören.

Die Wendung, die die Debatte genommen hat, ist eine böse, in dieser Form ganz unerwartete Überraschung. Denn auch der Streit um den (Berliner) Standort und das Profil des Zentrums spricht nicht gegen die wichtige Rolle, die dieser Plan im Prozess des überfälligen Aufbrechens alter Tabu-Themen spielte. In der Bundesrepublik geht es dabei um die Eingemeindung eines weitgehend verdrängten Kapitels Nachkriegsgeschichte, in Polen um Verständnis für das deutsche Vertreibungs-Schicksal – alles ermutigende Veränderungen im öffentlichen Bewusstsein. Nun erfahren wir, dass und wie anders man das alles sehen kann. Und dabei ist hier zu Lande die Kunde noch gar nicht recht angekommen, dass sich in Polen eine breite Ablehnungsfront aufgebaut hat. Das Titelbild einer Zeitschrift, auf dem die Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach in SS-Uniform auf dem deutschen Kanzler reitet, hat gezeigt, welches Maß an Demagogie da aufgeboten werden kann.

Es macht die Angelegenheit noch schwieriger, dass die bitteren Vorbehalte in vielem an der Sache vorbeigehen. In Berlin soll ja gar kein „großes Denkmal“ entstehen, wie Kolakowski annimmt. Und was spricht dafür, dass dieses Zentrum – wie Geremek behauptet – die Wiederkehr des Hasses fördern werde? Die Äußerungen der Vorsitzenden klingen nach dem Gegenteil: neben der Vertriebenen-Präsidentin hat auch der langjährige SPD-Politiker Peter Glotz, ein alter Entspannungspolitiker, immer wieder die Versöhnungsabsicht beschworen. Auch soll das Zentrum eben nicht nur die Vertreibung der Deutschen, sondern die Vertreibungen insgesamt zum Thema machen. Woher also die polnischen Ängste – vor neuerlichen deutschen Gebietsansprüchen, vor einer Revision des Geschichtsbildes, das die Deutschen entlastet, vor dem Herabwürdigen der Opfer, die Polen gebracht hat?

Eine mögliche Erklärung für das schwer Erklärbare mag im Argwohn gegen die VertriebenenVerbände bestehen. Dass Herbert Hupka – seinerzeit der Schlesien-ist-unser-Prophet – von Ratibor, seiner nun polnischen Heimatstadt, geehrt wird, ist ein hoffnungsvolles Zeichen, aber die Zweifel an der Abkehr der Verbände von den alten Positionen sind noch längst nicht ausgeräumt. Vor allem aber müssen wir wohl zur Kenntnis nehmen, dass wir uns im deutsch-polnischen Verhältnis auf einem Eis bewegen, das viel dünner ist, als wir oft und gerne angenommen haben. Das mag auch – wie Kenner versichern – mit dem Unwillen vieler Polen zusammenhängen, sich die Dornenkrone ihres nationalen Schicksals durch historische Aufklärung nehmen zu lassen. Doch schwerer wiegen vermutlich noch immer die Traumata der deutschen Okkupation.

Es ist eben keine literarische Figur, sondern ein Ausdruck der tiefen Verletzung durch das kollektive Schicksal seines Landes, wenn eine schon legendäre Gestalt der osteuropäischen Emanzipation wie Kolakowski seine Attacke mit der Erinnerung an die eigene Biografie einleitet. Es sind Erlebnisse, die ob ihrer Brutalität und Unmenschlichkeit tief deprimieren. Man muss sich klar machen, dass solche erschütternden Erfahrungen noch überall unter der Haut Polens stecken. Im deutsch-polnischen Versöhnungsprozess mag dieser Untergrund des Verhältnisses von Deutschen und Polen oft ignoriert worden sein – teils, weil es um die Zukunft geht, teils einer gewissen political correctness wegen, die man nicht als billige Verdrängung verachten soll. Aber die Traumata sind da. Sie setzen jeder Debatte Grenzen, die nur in langen Zeiträumen abgebaut werden können.

Was ist zu tun? Natürlich hat Peter Glotz Recht, wenn er findet, dass die Debatte nach dieser Wendung selbst gewendet werden muss. Dafür wird allerdings die Europäisierung des Themas nicht ausreichen, die seit einer deutsch-polnischen Initiative mittlerweile zum Repertoire der Diskussion gehört. Es ist richtig, dass der Blick auf deren europa- und weltweite Dimensionen dem Umgang der Deutschen mit diesem Thema den revisionistischen Zahn ziehen kann, dessen Biss bei diesem Thema viele fürchten.

Andererseits geht die Erfahrung der Vertreibung der Deutschen nicht in einer allgemeinen europäischen Erfahrung auf. Es bleibt da ein Rest, verankert in dem konkreten Schicksal von Schlesiern, Pommern und Sudetendeutschen, festgemacht an Ereignissen und Verlusten, den der allgemeine Disput über das Vertreibungsunrecht so wenig erreicht wie der Verweis auf die Vertreibung der Armenier oder der Kosovo-Albaner. Das steckt als Konsequenz in der Einsicht, dass man ein solches Zentrum nicht an den deutschen Vertriebenen vorbei machen kann, auch nicht an ihren Verbänden.

Die Frage ist nur, ob man es mit ihnen kann, konkret: ob man es in der stark von den Vertriebenen-Verbänden beeinflussten Form kann. Die fatale Lage, in die die Debatte geraten ist, sollte jedenfalls zu dem Schluss führen, das Projekt von seinem hohen Kothurn herunter zu holen. Für die Zurückgewinnung des verdrängten Themas, an der den Deutschen in erster Linie gelegen sein muss, braucht man kein großes Zentrum, schon gar nicht mit denkmalhaften Elementen. Notwendig wäre die historische Anstrengung, also – in den Worten des Osteuropa-Historikers Karl Schlögel – „kein Deutsches Historisches Museum ohne die Einarbeitung des Verlustes der alten Ostprovinzen des Reiches, ohne Darstellung dessen, was der ,deutsche Osten’ war, ohne Darstellung von Flucht und Vertreibung“.

Auch die von Schlögel angeregte große Ausstellung des Europarats zum Thema Vertreibung ginge in diese Richtung. Dahinter braucht sich der Gedanke des Zentrums nicht aufzulösen. Aber es würde leichter sein, den Weg dahin zu finden. Und es könnte helfen, Auseinandersetzugen zu vermeiden, die die alten Verletzungen in der Gegenwart wieder neu schmerzen lassen.

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