Kultur : Verfahren

Eine Pop-Art-Schau im Automobil-Forum

Jens Hinrichsen

Müssen Autos sexy sein? Der neue, etwas untersetzte Kombi eines tschechischen Autoherstellers fällt nicht in diese Kategorie, dafür ist er sparsam und geräumig. Der Leitspruch „Sex sells“ gilt natürlich trotzdem. Wohl daher dreht sich der glänzende Neuwagen im Automobil-Forum auf einem Rundpodest. Die Peepshow-Anmutung wird durch ein Plakat noch verstärkt, das im offenen Kofferraum lehnt: Auf dem Bild schlüpft eine von Mel Ramos gemalte Blondine aus einer Schokoriegelpackung. Lecker.

Es ist angerichtet. „Pop Art – von den 60ern bis heute“ aus der Sammlung des Grafen zu Solms-Laubach verspricht eine Ausstellung mit 220 Grafiken. Eine stolze Zahl. Dass die Kunst eine Art Rahmenprogramm fürs Industrieprodukt abgibt, stört nicht: Pop-Ikonen wie Andy Warhol oder Roy Lichtenstein, beide in der Schau vertreten, waren durchaus konsumfreundlich gestimmt. Weitere Namen wie Jim Dine, Robert Indiana, Allen Jones, David Hockney oder Niki de Saint Phalle bürgen für eine reibungslose Vermählung von Trivialität und Hochkultur.

Pop-Art ist museal. Wie überhaupt das Schlüpfrige oder Knallige längst von der Kunstgeschichte geadelt wurde. Ein Name, der Seriosität ersten Grades verspricht, ist trotzdem Gold wert. Karl Georg zu Solms-Laubach besitzt allerdings mehr als das. Ihm gehören ein herrliches Schloss am Fuß des hessischen Vogelsbergs und Kunstschätze. Er sammelt Bücher und Grafiken, deren Bestand in neun Jahren auf etwa 20 000 Exponate angewachsen ist. Alles Pop-Art? Der Graf schüttelt den Kopf: „Mein Schwerpunkt liegt im Expressionismus.“

In der Ausstellung hängen nur wenige Lieblingsstücke des Grafen, das ist beim gemeinsamen Rundgang zu spüren. Am wenigsten regt sich bei ihm, wenn große Namen wie Warhol oder Keith Haring ins Spiel kommen. Lieber wendet er sich dem Bildnis einer Schönen zu, das aus winzigen Brüsten zusammengesetzt ist und von Thomas Bayrle stammt. Dessen Zuordnung zur Pop-Art steht allerdings ebenso auf tönernen Füßen wie das entsprechende Etikett für Vertreter der Gruppe Zebra.

Überhaupt ist ein recht ungeordneter Fuhrpark drin, wo chromblitzend „Pop- Art“ drübersteht. Eine Serie mit Künstlerplakaten zur Olympiade 1972 enthält auch Arbeiten von Kokoschka, Hartung und Hundertwasser, die nun wirklich keine Pop-Künstler waren, ebenso wenig wie Josef Albers, dessen schwarz-grünes „Hommage to the Square“-Plakat sich auf eckigen Rädern in die Ausstellung verfahren hat. Dazu gesellen sich die pseudokubistischen Grafiken des brasilianischen Neo-Pop-Stars Romero Britto. Leider gibt es keinen Katalog, der klären könnte, was die Initiatoren unter dem Pop-Begriff verstehen.

Solche Schwierigkeiten machen klar, warum die Kernkompetenz in Sachen Kunst besser bei den Museen, Kunstvereinen und Galerien aufgehoben ist. Und der Graf? Macht gute Miene zum Spiel mit dem Pop-Etikett. „Sammlung Graf zu Solms-Laubach“ ist die Ausstellung überschrieben, obgleich nur ein Drittel davon aus seiner Sammlung stammt. Die Ausstellung lockt mit falschen Versprechen, und das wirkt, mit Verlaub, ziemlich unsexy. Jens Hinrichsen

Automobil-Forum Unter den Linden, Unter den Linden 21. Bis 3.2., Mo–Fr 9–20 Uhr, Sa/So 10–18 Uhr.

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