Kultur : Verfallen und verbraucht

Aufsteiger der deutschen Gegenwartskunst: Neo Rauch und Manfred Pernice in München

Eva Karcher

Wären da nicht die Alpenhörner, die sich aufdringlich und überproportioniert in den Vordergrund schieben, man würde die sieben Buchstaben für Betrug halten. Sie behaupten, das Heimatkitschbild aus Fachwerkhaus und Gamsbarthüttenwirt wäre die Schweiz. Die folkloreselige Schautafel mit den abgeschrägten Kanten ist auf einen weißgekachelten Säulenstumpf montiert, ein paar der Plättchen hat ein Anstreicher mit mattem Braun und Ocker übertüncht, dann die Lust verloren oder keine Farbe mehr gehabt. Hinter der Dosen-Skulptur sind weitere arrangiert, kleiner, höher, schmaler, dicker. Eine ist mit Mäandermuster, eine andere mit hellblauer Kreuzbordüre verziert. Dazwischen ein Rodin-Bozzetto, nostalgischer Verweis auf eine vielleicht glücklichere Vergangenheit.

Wie eine, in ihrer absurden Erhabenheit aberwitzige Ausgrabungsstätte der Neuzeit wirkt das Säulen-, Sockel- und Baracken-Environment, das der Berliner Bildhauer Manfred Pernice in der Münchner Pinakothek der Moderne installiert hat. Fragmenten einer antiken Tempelstätte ähnlich, signalisieren die namenlosen Behälter, Wracks und Werkzeuge der Moderne allerdings nur noch diffuse Sehnsucht nach einer helleren, heileren Welt. Aber die Götter sind verschwunden, die „Peildose“ mit der dürren Antennenstange sendet nicht, und ringsum hängen großformatige Bilder voller abgerissener Kabel und abgesägter Äste.

Auch die Gemälde des Leipziger Künstlers Neo Rauch beschreiben die Gegenwart als Vakuum. Westperspektive und Ostblick, die Ironiegetränktheit des Pop und die hyperaktive Penetranz der Ideologie verschränken sich in diesem von Kurator Bernhart Schwenk beeindruckend inszenierten Raum zu einem Pandämonium gespenstischer Strichmännchen, debiler Osterhasen und aggressiver Bestien, einstürzender Treppen, kippender Fenster und blind starrender Apparate. Rauch wie Pernice, zwei Aufsteiger der deutschen Gegenwartskunst, die zu den wichtigsten Künstlern ihrer Generation zählen, der eine 1960, der andere 1963 geboren, zeigen, wie die Parolen und Logos, die Sehnsuchts-Klischees und Dämonen einer entheimateten Zeit kollabieren. Das Jetzt ist „Inbetween“, ein Zwischenzustand aus Panik und Lähmung. Wenn bei Rauch Männer mit aufgedunsenen Gesichtern Schlagstöcke und Wurfspeere zücken und sich dabei wie auf dem Gemälde „Mars“ in der eigenen, aus der Tube direkt auf die Leinwand gedrückten, khakigrün fetten Farbschlinge verfangen, dann wirkt die so vorgeführte Männer-Machomotorik sarkastisch und wehmütig zugleich. Wenn Pernice das no name-Tonnen-Entsorgungs-Mobiliar globaler Urbanität zu postminimalistisch tätowierten Kuben und Zylindern adelt, dann demonstriert er nicht Verachtung, sondern liebevolle Zuneigung für die Nichtigkeit der Objekte.

Neo Rauch und Manfred Pernice diagnostizieren mit ihren Arbeiten eine Befindlichkeit zwischen Verfall und Verbrauchtheit. Beide verwenden Farben, deren Müdigkeit hin und wieder von hysterischem Gelb oder Grün durchpulst wird. Hauchdünn ist die plakative Werbehaut, unter der Depression nistet. Wie es aussieht, wenn Hoffnungen sich zu Illusionen deformieren, demonstriert Rauch mit den theatralischen Mitteln der Groteske. Und Pernice belegt mit subtilen Eingriffen, dass das Paradies nur fake ist.

München, Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, bis 25. Mark; kein Katalog.

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