Kultur : Verflogene Liebe: Gustav Sobins "Trüffelsucher"

Nicole Henneberg

Es ist nicht nur Etikettenschwindel, sondern auch leserfeindliche Gleichmacherei, dass die Verlage jeden erzählenden Text von mehr als hundert Seiten Länge als Roman ankündigen, - so, als kippte man in einem Feinschmeckerrestaurant über jedes Gericht Ketchup. Denn natürlich sind die verschiedenen Erzählformen und das poetische Spiel mit ihren Grenzen und Möglichkeiten nicht ausgestorben.

"Der Trüffelsucher", eine Erzählung des in Amerika geborenen und seit mehr als dreißig Jahren in der Provence lebenden Lyrikers und Erzählers Gustav Sobin, erzeugt mittels der Reibungsfläche einer strengen Form nicht nur einen Funkenflug, sondern ein ganzes Feuerwerk. Seine Erzählung böte nur das halbe Lesevergnügen, wäre sie nicht als klassische Novelle gebaut: mit einem Falken - dem entscheidenden Dingsymbol -, der Beschränkung auf einen streng linearen, parabelförmig verlaufenden Erzählstrang, der nach seinem dramatischen Wendepunkt steil Richtung Verhängnis abfällt.

Die abgestürzte Liebe

Worum geht es? Philipp Cabassac, ein Professor für Alt-Provencalisch, der an der Universität von Avignon lehrt, verliebt sich in eine seiner Studentinnen: Julieta. Nach deren plötzlichem Tod verfällt er immer mehr einem nekrophilen Erinnerungssog, bis sein Leben völlig in die Brüche geht. Doch jenseits dieses äußeren Rahmens geht es um die Spannung zwischen Sprache, Wahrnehmung und Erinnerung; um die Art und Weise, wie Wörter sich destruktiv und herrisch im menschlichen Bewusstsein breit machen können, sogar sinnliche Qualitäten wie Geruch und Farbe haben und die Gesetze der Vernunft mühelos außer Kraft setzen durch Entfaltung ihrer anarchischen Kräfte. Erst die Wörter, so erkennt der Erzähler, bringen eine bestimmte Langzeitwirkung der Sinneseindrücke hervor. Damit herrscht die Sprache uneingeschränkt über das Gedächtnis.

Die Leidenschaft des Sprachforschers Cabassac gilt nicht zufällig dem aussterbenden, alt-provencalischen Idiom: Er versucht mit Hilfe der alten, melodischen Worte etwas in sich freizulegen, von dessen Vorhandensein nur seine starken, davon ausgelösten Gefühle Zeugnis ablegen. Diese recherche de la langue perdue, von Gustav Sobin mit schwermütiger Ironie erzählt, wird immer leidenschaftlicher, obsessiver, je mehr Cabassac und Julieta von den vielen, hinter der alten Sprache steckenden, fast verlorenen und verleugneten Geschichten erfahren. Denn dass Julieta auf der selben Suche ist wie er, glaubt der Forscher zu wissen; denn das Mädchen ist innerlich so weit von ihm entfernt, dass sie eine ideale Projektionsfläche für seine Phantasien abgibt.

"Ich falle runter, du fällst runter"

Das brutale, sich spielerisch hinter einem Reim versteckte Motto der Erzählung könnte der alte, zweizeilige Name jener Wassermühle in der Haute Provence abgeben, an deren Bach Cabassac und Julieta sich das erste Mal lieben: Calou ou cales, li voou, li vas. Übersetzt hieße das: Ich falle runter, du fällst runter; ich geh unter, du gehst unter.

Als Cabassac Julieta kennenlernt, die sich ihm argwöhnisch nähert wie eine streunende Katze, fasziniert ihn vor allem ihre innere Unerreichbarkeit. Dass sie mit Sprache eher wie ein weiblicher Kaspar Hauser umgeht, genießt er als ihre geheime Kraft: "Denn Julieta war, wenn irgendwo, dann in diesen Bereichen zu Hause. Sie wanderte in den Wüsteneien herum, in denen nur noch die Sprache dazu dienen konnte, den Raum zu markieren und die Richtung zu weisen. In diesen Unendlichkeiten wählte sie hier ein Hauptwort, dort ein Partizip aus, wie andere Ringelblumen pflückten, oder Heilkräuter oder gefleckte Pilze."

Der weit hergeflogene Falke

Als die Geliebte nach einer Fehlgeburt, an der er sich mitschuldig fühlt, stirbt, durchwühlt er verzweifelt die Erde auf der Suche nach den betäubend duftenden Trüffeln, die ihn in seinen Träumen wieder mit der Toten in Berührung bringen: "Ein vergrabenes Ding für ein anderes, sagte er sich immer wieder, während er grub, die violetten Augen von den schweren, stahlgerahmten Brillengläsern vergrößert. Und konnte er, wenn er fühlte, wie die Erde sich leicht von der prallen, muskulösen Masse löste, den Gedanken vermeiden, dass er, indem er diese berührte, auch die andere berührte?" Trotz dieses vielleicht etwas weit hergeflogenen Falken entsteht ein reizvolles Spannungsfeld zwischen Traumwelt und Naturbeobachtung in Gustav Sobins Erzählung, die, zwar auf englisch geschrieben, sich aber in Malte Friedrichs gelungener Übersetzung leicht in der ehrwürdigen Tradition naturalistischer Novellen behaupten kann.

Entschieden zeitgenössisch ist der ausgespielte Kontrast zwischen der Liebe zu dieser derben, sinnlichen Landschaft und dem analytisch-lakonischen Sprachforschertum der Hauptfigur, die beides zugleich ist: Ein städtischer Professor und ein Bauer aus Neigung.

Vielleicht funktioniert dieses Spannungsfeld wegen Gustav Sobins Kulturwechsel und dem damit einhergehenden neuen Blick auf seine Wahlheimat so gut. Sein konzentriertes, leidenschaftliches Erzählen jedenfalls bringt uns diese interessante Begebenheit, die mit den Düften einer wunderbaren Landschaft gesättigt ist, so kunstvoll und leuchtend vor Augen wie ein Gemälde von Paul Cezanne.

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