Kultur : Verfolgen, vertreiben, vergessen

Von der Schwerelosigkeit der Erinnerungen – und der Gravitation des Gedächtnisses

Emma Braslavsky

Wie könnte man Vertreibung endlich durchdeklinieren? Da kündigt sich schon das Dilemma meines Versuchs an: Meine ich etwa der Vertreibung, die Vertreibung oder das Vertreibung? Woher, wohin und durch wen vertrieben, oder gar „umgesiedelt“, „ausgesiedelt“? Warum und wann? Wie oft – wurde noch nicht gefragt in den letzten Monaten. Wie oft wurden die Deutschen von den Polen vertrieben und wie oft die Polen von den Deutschen? Ich habe nachgezählt, allein im 20. Jahrhundert steht es 2:1 für die Deutschen (als Vertriebene).

Was sagt dieser Vertreibungsstand aus? Wenig. Denn hierin fehlen die dazugehörigen Zusammenhänge und die Chronologien. Wenn wir bis in die Spätantike vordringen, stoßen wir auf den Begriff der „Völkerwanderung“. Das klingt doch nach freiem Willen, oder? Man möchte ja lieber wandern als getrieben werden. Über die Impulse für diese Wanderungen wurde jedoch nichts gesagt.

Erika Steinbach und viele andere haben es sich leichter gemacht, sie sagen einfach: die Vertreibungen. Damit bleibt aber die Betrachtung nur eindimensional, nämlich quantitativ, in der Horizontalen des Raumes, und damit im Ergebnis zu ungenau. Die Idee der Ausstellung „Erzwungene Wege“, jetzt in Berlin zu sehen, ist wegen des Titels hehr und lobenswert, aber in der Umsetzung (nur von der Textlastigkeit einmal abgesehen) gescheitert. Warum? Die Ausstellung zeigt auf die eben angesprochene eindimensionale, statische Art eine einseitige (deutsche) und pauschalisierte Sicht auf ein weltumspannendes Phänomen. Menschen kommen dort nur als Zahlen vor oder als Volksgruppen. Die Ausstellung und die Errichtung eines Zentrums in Berlin riecht ein wenig nach preußischer Selbstüberschätzung.

An die Vertreibungen erinnern müsste man an Ort und Stelle und nicht nur in Deutschland. Ein so groß angelegtes Projekt kann nur allmählich durch alle beteiligten Opfer- als auch Täternationen selbst (im deutschen Fall als Täternation mit Opferindex) entstehen. Es ist doch vollkommen unproportioniert, nur eine jüdische, aber fünf deutsche persönliche Vertreibungsgeschichten erzählen zu lassen und sie noch auf gleicher Ebene neben Erzählungen aus Istrien oder Armenien usf. auszustellen. Wobei in den Einzelschicksalen die Ausstellung für mich am interessantesten war. Hier konnte ich in die Herzen schauen und nach singulär mentalitätsgeschichtlichen und psychologischen Hintergründen suchen.

Wenn die Geschichte der Vertreibungen jemals hinreichend bearbeitet werden soll, muss auch die Herausforderung eines Paradoxons angenommen werden. Also in ihren räumlichen, zeitlichen, zwischenmenschlichen oder sozialen und religiösen und geistesphilosophischen Zusammenhängen und Ambivalenzen, aus denen sich auch eine zukunftstaugliche Erkenntnis gewinnen lässt. Sonst bleibt es bei einer schematischen Berichterstattung und verströmt den üblen Geruch eines unbegrabenen Leichnams. Allein deshalb erscheint mir das Vorhaben Frau Steinbachs und einiger Politiker, so wie es jetzt konzipiert ist, als reine Überforderung. Eine Chance für ein solches Projekt sähe ich nur in exemplarischen, zwischennationalen Dialogen, die sich der Komplexität der jeweiligen Vertreibungsgeschichte(n) in allen diesen vier Dimensionen nähern. Und das braucht Zeit. Eine Darstellung der deutsch-polnischen Vertreibungsgeschichte ohne polnische Beteiligung kommt mir wie eine Grippe ohne Fieber vor.

Dass es bei allen Kontroversen in den letzten Wochen auch einen guten (wenn auch um Jahrzehnte verspäteten) Beitrag gegeben hat, gibt noch Hoffnung auf ein Gelingen der deutschen Vertreibungsdeklination. In der (anderen) Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ im Deutschen Historischen Museum Berlin hingegen erkenne ich einen guten Auftakt, wenngleich ich auch hier einen eigenartig losgelösten Eindruck bei der Darstellung hatte. Es kommt halt sehr spät. Und die Kontextlosigkeit zum Nationalsozialismus kann hier schnell zur Erinnerungsfalle werden.

In diese ist Hermann Schäfer in Weimar selbst getappt. „Flucht und Vertreibung – Vertreibung und Vernichtung ...“ heißt es im Einladungsschreiben von Nike Wagner an ihn. Die Dopplung der „Vertreibung“ klingt wie eine hübsche Alliteration. Warum glaube ich Herrn Schäfer, wenn er im Anschluss an seine verunglückte Rede in Weimar beteuert, dass er sich „thematisch genau an die Vorgaben“ gehalten habe? Weil er, ein Spezialist auf dem Gebiet der deutschen Vertreibung, betriebsblind geworden ist, wie Wagner auch: Während sie wohl nur an die Vertreibung und Vernichtung der Juden gedacht hat, hat er nur die Vertreibung der Deutschen im Sinn gehabt. Und beiden (vor allem der betroffenen Generation) kann man das nicht einmal vorwerfen.

Es ist ein gesamtgesellschaftliches und politisches Problem, dass man sich nur auf die eine oder andere Seite stellen will. Allerdings wird Buchenwald wie jedes KZ als verkürztes Bild für die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten doch schon in der deutschen Muttermilch geliefert; für einige einleitende Sätze dazu zum Gedenktag müsste man nicht einmal „Spezialist“ sein.

„Vertreibung“ hat eine persönliche und eine historisch-politische Bedeutungsebene; zwischen beiden hat sich in Deutschland ein Abgrund aufgetan. Obwohl man gerade in Westdeutschland jahrzehntelang die Möglichkeit gehabt hatte, auch jenseits des Vertriebenengelds den Vertriebenen eine „neue Heimat“ fühlen zu lassen und ihre kulturelle Identität zu schützen und zu respektieren, überließ man es lieber Vertriebenenverbänden, sich langfristig dieses Mandat dafür unter den Nagel zu reißen. Jetzt sie dafür mit Dreck zu bewerfen, bedeutet, den Abgrund noch zu vergrößern.

Das Konfliktpotenzial des kollektiven Gedächtnisses hierzulande liegt in der anhaltenden Unvereinbarkeit zwischen denen, die hier nicht landen konnten, und denen, die das nicht zugelassen und selbst niemals abgehoben haben. Herr der Erinnerungslage wird man erst, wenn das kollektive Gedächtnis und die persönliche Erinnerung in Einklang gebracht sind.

Das Kreischen der Vertriebenenverbände und das unqualifizierte Herumpolemisieren einiger Politiker sind nur die mediale Oberfläche und das Ergebnis jahrelanger gesellschaftlicher Verdrängung des Themas. Die Stimmen der Betroffenen selbst gilt es erst an diese Oberfläche zu bringen. Es ist immer leichter, unter heimischen Bedingungen eine Entwicklung oder gar Metamorphose zu durchlaufen als im entwurzelten Zustand, gleichsam „schwerelos“ in der Gesellschaft umhertreibend, einst als „Zigeunerpack!“ und „Polacken!“ in Güterwagen auf deutschen Bahnhöfen gelandet. Wie wenig muss man von der Verfassung der Flüchtlinge verstehen? Die Begriffe „Erinnerungskonkurrenten“ und „Opferkonkurrenz“ zeigen, welch fragwürdige Richtungen die Diskussion genommen hat.

Apropos Schwerelosigkeit der persönlichen Erinnerung: Günter Grass erlag zeitlebens der Schwerkraft des kollektiven Gedächtnisses. Er schwieg? Nein, er schrieb! Die Literatur hat ihn endlich zur Landung gezwungen. Auch wenn der Zeitpunkt des Outcomings marketingtechnisch genial (und sarkastisch) war und sich ein jüngerer Autor wie ich am liebsten „Ich war auch in der Waffen-SS!“ auf den Buchumschlag drucken lassen möchte, glaube ich dabei eher an eine emergente Eigenschaft als an eine gewollte PR-Strategie.

Flucht und Eskapismus bedeuten zwar, sich der Realität nicht zu stellen, sind aber zugleich Hinweise auf den Überlebensinstinkt eines Lebewesens und nicht selten die einzigen persönlichen Überlebens- und Entwicklungsstrategien. Woher kommen wir? Wo stehen wir? Und wohin wollen wir?

Wohin erscheint doch wichtiger als woher, aber ohne Woher gibt es kein Wo und Wohin. Eine Frage näher kam ich alldem letztes Jahr im Literarischen Colloquium Berlin, als Katja Lange-Müller von einem Spruch erzählte, den sie durch das Fenster der S-Bahn aufgeschnappt hatte. „Nur ein Graffiti“, sagte sie, „an einer brüchigen Häuserwand stand es“, nur eine Frage, die ich seitdem wie ein Taschentuch in der Hose herumtrage: Heimat – wo ist dein Zuhause?

Emma Braslavsky, geboren 1971 in Erfurt, stammt aus einer schlesisch-protestantisch-sudetisch-katholischen Familie. Sie ist im Frühsommer 1989 aus der DDR geflohen und arbeitet seit 1999 als freie Autorin, Kuratorin und Übersetzerin in Berlin. Ihr Romandebüt „Aus dem Sinn“ erscheint im Februar 2007 im Claassen Verlag. Erzählt wird die Geschichte einer Gemeinde vertriebener Sudetendeutscher in Erfurt Ende der sechziger Jahre.

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