Kultur : Verfolgt, verkauft, verloren

Kirchner, Marc und andere: Vor einem Berliner Symposium zur Restitution von Kunstwerken

Thomas Lackmann

War die lokalpatriotische Wut der Kunstfreunde – der Berliner Streit um das Kirchner-Gemälde „Straßenszene“ – ein Aufschrei des Volksempfindens? „Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion über die Restitution von Kunstwerken“ scheine es angebracht, schreibt Klaus Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), „die enormen Leistungen jüdischer Mäzene für das kulturelle und soziale Leben in Deutschland weiter zu erforschen und zu vermitteln“.

Lehmanns lapidare Feststellung eröffnet die Einladung zu einem Symposium, das Kulturstaatsminister Neumann und die SPK mit dem Jüdischen Museum Berlin am heutigen Montag im Kunstgewerbemuseum am Potsdamer Platz ausrichten: „Sammeln – Stiften – Fördern. Jüdische Mäzene in der deutschen Gesellschaft“. Porträtiert werden Mäzene des 19. und 20. Jahrhunderts, aber auch Heinrich Thannhauser, ein jüdischer Galerist, der mit dem Besitzer des Kirchner-Gemäldes, Alfred Hess, viele Geschäfte gemacht hat. Das Programm wirkt wie Nachhilfeunterricht zur Kirchner-Affäre, die offenlegte, dass noch rund 100 expressionistische Gemälde als „verfolgungsbedingt verlorenes Kulturgut“ aus deutschen Museen zurückgefordert werden könnten. Auch Franz Marcs „Die kleinen blauen Pferde“ von 1911 in der Staatsgalerie Stuttgart gehört dazu, vormals im Besitz von Alfred Hess, weiterverkauft durch die Galerie Thannhauser.

Sollte das seit 2004 von der Staatsgalerie verschleppte Restitutions-Ersuchen für „Die kleinen blauen Pferde“ greifen, dürfte sich die Panik, ein nationales Erbe zu verlieren, in der Schwaben-Metropole nicht weniger heftig artikulieren als bei Freunden des Berliner Brücke-Museums. Stuttgart verfügt mit diesem Bild, das Marcs Durchbruch zu einer neuen Malerei dokumentiert, über den Auftakt der berühmten Pferde-Serie und als einzige Sammlung mit den „Kleinen blauen“ und den „Kleinen gelben Pferden“ von 1912 über ein Paar, an dem die Entwicklung des Künstlers so einzigartig nachzuvollziehen ist. Zudem erreicht das Vermächtnis des 1916 bei Verdun gefallenen Franz Marc unter seinen Verehrern Kultstatus. Pathetisch-sakrale Interpretationen seiner Paradies-Motive haben den Weltkriegstoten zu einem Sinnstifter der Deutschen am Beginn ihres finstersten Jahrhunderts überhöht.

Und nun plötzlich so viele Fragen. Hätten der Alleinerbe des 1931 gestorbenen Erfurter Schuhfabrikanten Hess, sein Sohn Hans, und dessen Mutter Tekla, die Verwalterin der großen Sammlung, das berühmte Bild auch ohne NS-Pressionen verkauft? Der durch die Weltwirtschaftskrise angeschlagene Betrieb des Vaters bestand doch noch bis 1936 – und eine dazugehörende Immobiliengesellschaft bis zu deren Arisierung 1939. Wurden „Die kleinen blauen Pferde“ 1934 veräußert, wie ein Vermerk des späteren Besitzers Max Lütze nahelegt, oder – da Tekla Hess das Werk 1935 von einer Zürcher Ausstellung nach Berlin senden ließ – erst im Jahr der Nürnberger Gesetze 1935? Ist der Kaufpreis, angeblich 8000 Reichsmark, an Frau Hess geflossen? Spielt es eine Rolle, dass Lütze, ein Fan moderner Kunst mit konservativen Einschränkungen, zur Funktionselite des NS-Systems gehörte – und seit 1933 im Vorstand des Baugiganten Wayss & Freytag saß, einer Firma, die auch KZ-Häftlinge einsetzte? Wie scharf sind Recht und Moral hier zu trennen? Beschreibt eine Briefaussage der Tekla Hess vom April 1939, dass sie, da der übrige Besitz ihr unzugänglich sei, vom Verkauf der Bilder lebe, auch ihre Situation Jahre zuvor? War sie, die – unterbrochen von Auslandsaufenthalten – offiziell bis 1939 in ihrem bayerischen Geburtsort wohnte, eine Gejagte?

Argumente gegen eine Restitution des Kirchner-Bildes hatten oft so geklungen, als könne von „verfolgungsbedingt“ kaum die Rede sein, da Tekla Hess so viel nicht gelitten habe. All solche Fragen – und Zynismen – weisen darauf hin, dass ein differenziertes Verständnis der nahen, fernen Epoche noch gewonnen werden muss.

„Lost Art 2006: Dokumentation als aktiver Beitrag zu Erinnerung und Wiedergutmachung“ soll der letzte Symposiums-Vortrag heißen: ein Rüffel für jene Museen, die Besitzer-Recherchen, seit 1999 amtlich empfohlen, bislang nicht nötig fanden. Nun wird der Fall Kirchner zur Lektion. Stuttgarts Staatsgalerie, die Marcs „Kleine blaue Pferde" 1978 von Max Lützes Erben erworben hatte, beauftragte erst mal eine Historikerin und äußert sich vorerst nicht zum „laufenden Verfahren“. Mit ähnlicher Zurückhaltung glänzen die Anwälte der Londoner Hess-Erbin Anita Halpin – und widerlegen so den Vorwurf der Restitutionsgegner, die Erbenseite wolle durch einen Hype unbedingt den Kunstmarkt anheizen.

Man werde, unterstreicht Präsdident Lehmanns Einladung, den heutigen Umgang „mit unserer brüchigen Geschichte beleuchten“. Tatsächlich wirft diese neue Runde der Verrgangenheitsbewältigung – über juristische Klärungen hinaus – ein Licht auf das St. Florians-Prinzip spätgeborener Verantwortungsträger: Wiedergutmachung ist okay, solange sie nicht das eigene liebe Eingemachte betrifft.

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