Verfolgung um "Dritten Reich" : Der Segen eines Führerschein

„It’s a long way to Heidelberg“: Wie meine Großmutter vor 70 Jahren gerettet wurde. Eine Erinnerung

Peter von Becker
Heidelberger Schloss in den 30er Jahren.
Heidelberger Schloss in den 30er Jahren.Foto: Mauritius

Am Sonntag, den 11. Februar 1945 erhielt meine Großmutter die Aufforderung, sich am Dienstag, den 13. Februar abends um 23 Uhr bei der Gestapo im badischen Mannheim zum Abtransport in einen „Arbeitseinsatz“ einzufinden. Das Nichterscheinen werde mit Haft und Einweisung in ein Konzentrationslager bestraft. Weil meine Großmutter Vera Martens, geborene Arnthal, nach den Nürnberger Rassegesetzen als „Volljüdin“ galt, hätte der „Abtransport“ die Reise in den Tod bedeutet. Also beschlossen ihr Mann und die beiden Töchter (die eine wurde nach dem Krieg meine Mutter), dass die Bedrohte sofort untertauchen müsse. Am 13. Februar 1945 verließ meine Großmutter um 14 Uhr 45 das Haus und begann mit einem Handkoffer ihre Reise, die genau zwei Monate später, heute vor 70 Jahren, ein glückliches Ende nahm.

Berlinisch war ihr Witz, hamburgisch ihre Zurückhaltung

Sie hat über ihre Nöte und ihren Mut mit mir, dem einzigen Enkel, in ihrer Liebe, Fürsorge und zugleich Scheu nur wenig gesprochen. Sie war von Geburt und Taufe eine protestantische Hanseatin, als Frühwaise aufgewachsen in Berlin bei ihrem Onkel Eduard Arnhold, dem jüdischen Industriellen, Kunstsammler und Mäzen, des Stifters etwa der Villa Massimo in Rom. Berlinisch war ihr Witz, hamburgisch ihre Zurückhaltung, ihre große Bescheidenheit.
Als Heldin eines der vielen Kriegs- und Shoah-Erinnerungsbücher hätte sie sich vermutlich nur ungern gesehen. Aber sie hat meinen Eltern und mir nach ihrem Tod 30 dicht getippte Seiten über ihre Flucht und Rettung hinterlassen, die sie gleich nach Kriegsende 1945 aufgezeichnet hatte. Vieles darin ist privat, manches historisch bemerkenswert. Beispielsweise der Wahnwitz, wie das bereits nahezu besiegte NS-Regime noch Mitte Februar ’45, nach der Befreiung von Auschwitz, weiterhin die Deportationen betrieb. Und wie meiner Großmutter eine winzige Lücke im sonst so totalen, totalitären System zu Hilfe kam.


Ihr glückte es, von Mannheim via Heidelberg, Karlsruhe, Freiburg, Konstanz zu einer früheren Kinderfrau an den Bodensee zu gelangen, bei deren Familie sie sich auf einem Bauernhof versteckte. Aber Bahnstrecken wurden ständig bombardiert, nur wenige Züge fuhren, mit vielen Unterbrechungen, und für eine Strecke über eine Entfernung von 70 Kilometer hinaus bedurfte es einer behördlichen Genehmigung. Großmutter musste 300 Kilometer überwinden. Zweites Problem: Auch wenn meine Großmutter verbotswidrig keinen Judenstern trug, musste sie sich unterwegs ausweisen. Im Pass stand der Stempel mit dem „J“ und dem Zwangsvornamen „Sara“. Aber meine Großmutter besaß aus der Weimarer Republik – selten genug für Frauen ihrer Generation – einen Führerschein. Und die Nazi-Diktatur, die an schier alles gedacht hatte, hatte hieran nicht gedacht. Der Deutschen liebster Schein war bei der Ausführung der Nürnberger Rassegesetze offenbar vergessen worden. So wurde ausgerechnet ein makelloser „Führer-Schein“ für Großmutter das rettende Papier. Ein Fall, in der Literatur zum „Dritten Reich“ wohl noch nicht beschrieben.

Die Flucht dauerte viele Tage

Um zu verhindern, dass bei der heimischen Meldebehörde telefonische Rückfragen erfolgten, erklärte meine Großmutter bei Kontrollen, dass sie wegen der Bombenangriffe auf ihr Wohnhaus die anderen Ausweispapiere verloren habe, ebenso ihre Nerven – weswegen auch ihr Ehemann bitte nichts von ihrer überstürzten Reise zu „Verwandten“ an den Bodensee erfahren solle. Ein Bahnkontrolleur spielte daraufhin den Kavalier, meinte augenzwinkernd „verstehe“ und stellte ihr sogar eine Fahrkarte bis Konstanz aus.


Die Flucht dorthin dauerte viele Tage, und nach den Wochen im Bauernhof und der Angst vor Denunziationen und Razzien erfuhr meine Großmutter, dass Mannheim und Heidelberg Ende März von den Amerikanern befreit worden waren: also auch mein Großvater Wilhelm Martens, der sich von seiner jüdischen Frau nicht hatte scheiden lassen und als Jurist von den Nazis degradiert, zu Zwangsarbeit verpflichtet und als Mitglied einer Widerstandsgruppe verfolgt worden war. So machte sie sich am Ostersonntag, den 1. April 1945 zu Fuß auf, mit einer Freundin und einem Leiterwagen. Der Rückweg durch Panzersperren, Tieffliegerangriffe, Feuerwände, wechselnde Frontlinien, dauerte bis zum 13. April. Bei Karlsruhe traf meine Großmutter auf die ersten GIs, einer sagte „It’s a long way to Heidelberg“. Meine Großmutter antwortete: „It’s a long way to Tipperary“, und beide lachten, sie so befreit, „dass mir die Tränen herausstürzten“.

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