Kultur : Verfreundet

Pasolini und Zigaina in der Guardini Galerie.

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„Selig die Spreu und verflucht der Weizen“, schreibt Pier Paolo Pasolini in einem Gedicht, das er seinem Freund Giuseppe Zigaina widmet. Die beiden italienischen Künstler verbindet das Gefühl, am Rande der Gesellschaft zu stehen.

Die Ausstellung „Zwei Flüsse“ in der Guardini Galerie schöpft aus der tiefen Freundschaft, deren Energie für Zigaina bis heute anhält. Die zwölf Zeichnungen von Pasolini aus Zigainas Besitz entstanden 1969/70, als beide gemeinsam die Filmwochen von Grado organisierten. Pasolini wirft sehnsüchtige Blicke über das Watt, zeichnet mit rußigen Streichhölzern, strukturiert mit Kaffee- oder Rotweinlachen und setzt seine Pointe mit einer Muschel. Giuseppe Zigaina dagegen erforscht den Mikrokosmos seiner Gedanken. Außenblick und Innenblick verschmelzen zum Bild einer instinktiven Verbundenheit.

Die Künstler lernen sich 1946 kennen. Beide leben zu dieser Zeit im Friaul. Beide sind gezeichnet. Weil er als Kind bei einem Unfall seinen rechten Arm verlor, muss Zigaina alle Bewegungen neu trainieren. Pasolini wird 1949 wegen seiner Homosexualität aus dem Lehramt entlassen, aus der KP ausgestoßen und flieht mit seiner Mutter mittellos nach Rom.

Pasolinis Zeichnungen zeugen von der vertrauten Entspanntheit bei der Rückkehr in die Heimat. Von großartigem Glanz das geweißte Profil von Maria Callas, die Pasolini als Medea besetzte. Lockend hell auch die Blätter von den spiegelnden Salzmarschen der Lagune. Aber Pasolini rupft und zupft kleine Fetzen aus der Oberfläche. Solche Bilder vom lichterfüllten Übergang zwischen Land und Meer mögen Zigaina später zu der These inspiriert haben, Pasolinis Werk öffne sich seit Beginn in den Tod.

Glaube, Wissenschaft und Kunst – in diesem Dreieck bewegt sich die Guardini Stiftung, die gerade ihr 25jähriges Jubiläum feiert. Sie gründete sich 1987 zur Vorbereitung des Kulturprogramms für den 90. Katholikentag, 2004 richtete sie eine Stiftungsprofessur an der Humboldt-Universität ein, benannt nach ihrem Namenspatron, dem Religionsphilosophen Romano Guardini. Die Ausstellungen der Galerie am Askanischen Platz überzeugen durch ihre intellektuelle Geschliffenheit wie bei der konkreten Poesie von Stanislaw Drozdz, dann überraschen sie aber wieder mit Ausflügen in die Außenseiterkunst wie bei dem Zeichner Kurt Wanski.

Auch die „Zwei Flüsse“ bilden ein ungleiches Paar. Pasolinis Leben endet 1975 mit dem Mord am Strand von Ostia. Zigainas Grafiken spüren den eigenen Nervenbahnen nach, bis sie im Bewusstsein münden. Erinnerungsbilder vom Vater als Schreiner, die Hand zwischen Schraubzwingen, lassen das Trauma der Kindheit erkennen. Doch fehlt ihnen Pasolinis Radikalität. Simone Reber

Bis 7. Dezember, Guardini Galerie, Askanischer Platz 4, Di-Fr 14-19 Uhr

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