Kultur : Verführung (1): Liebe in Blau

THEATER

Christoph Funke

Was Arthur Schnitzler kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts in seinem „Reigen“ niederschrieb, reiht der englische Dramatiker David Hare unbedenklich ins Gegenwärtige: Die geschwinde Vereinigung von Mann und Frau als Zehnerpack, Akt für Akt virtuos zusammengefügt. In der neuen, selbstbewusst bearbeiteten Auflage der lange skandalumwitterten Geschichte geht es geschwinder, aber auch oberflächlicher zu. Viel Federlesens macht Hare nicht, um seine Männer und Frauen auf den Punkt zu bringen. Nun treten eben Model und Au-pair-Mädchen auf, Politiker und Taxifahrer, aber Dichter und Schauspielerin, Ehemann und Ehefrau sind weiter dabei. Schnitzler ging es um eine psychosoziale Demonstration, um das Spüren nach den geheimen Antrieben des Menschen, um Melancholie und Trauer über das uneinholbar Flüchtige. Hare macht die zehn Episoden als Spiel deutlich, das den Reiz der beliebigen, rasch aufs Wesentliche gebrachten Zweisamkeit raffiniert erhöht. Vor allem aber gibt es nicht mehr fünf Frauen und Männer, sondern nur noch ein Paar, stellvertretend für alle zehn Abenteuer. Das Stück wurde für Nicole Kidman und Ian Glen geschrieben und hatte seit der Uraufführung 1998 einen sensationellen Erfolg in London und New York.

In der Komödie am Kurfürstendamm begeben sich Antje Schmidt und Hans-Werner Meyer in den Reigen, der seinen Ort im Blue Room gefunden hat (wieder 4. bis 8. Februar 20 Uhr, am 9. Februar 18 Uhr sowie vom 11. bis 15. Februar 20 Uhr). Sie gehen mit Gelassenheit durch die Episoden. Bewundernswert exakt und mit unauffälliger Virtuosität bewältigen sie die Kostümwechsel, die Verwandlungen von Figur zu Figur im Dunkel. Regisseur Konrad Sabrautzky setzt in einem elliptischen Raum mit zehn spiegelnden Fenstern (Beatrice von Bomhard) auf einen harmonischen Ablauf, der nicht in grüblerische Tiefe abgleitet. Dafür sorgt schon die durch Leuchtschrift ironisch dokumentierte Vollzugsdauer des körperlichen Zusammenfindens. Allerdings geraten die ersten fünf Episoden merkwürdig gleichförmig, erst nach der Pause gelingt es, die Figuren präziser zu fassen. Antje Schmidt und Hans-Werner Meyer zeigen ein bemerkenswertes handwerkliches Können im Einsatz von Dialektfärbungen, im Umgang mit Offenheit und Verstellung, in der listenreichen Zurüstung auf den Höhepunkt. Da stimmt alles, aber emotionale Herausforderung entsteht nicht – man sieht die Liebesversuche so unaufgeregt, wie sie gespielt werden.

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