Kultur : Verführung (3): Juwel im Dunkeln

POP

Claudia Cosmo

Der Schriftsteller Christian Kracht, seit Jahren in Thailand beheimatet, liebt das Exzentrische. Deshalb verschmäht er den gängigen Durchschnitts-Pop Ostasiens. „Thai-Pop wird in Großraumdiscos gespielt und ist unhörbar, zu schwülstig und bombastisch.“ So hat er sich jetzt für einen Kultur-Export der besonderen Art engagiert: Eine orangefarbene CD verziert mit buddhistischen Ornamenten – The sweets of Siam heißt der Sampler mit thailändischem Independent-Pop, eine Mischung aus Pet Shop Boys, New Order, Easy listening, Bossanova, akustischen Gitarrenriffs und unschuldig-sanften Thai-Stimmen (Apricot).

Erfunden haben diesen Sound Rungroche, Jetamon und Chaowalek, drei Musiker aus Bangkok, denen das Label Smallroom gehört. „Die drei sitzen in einem ganz kleinen Zimmer, das ungefähr so groß ist wie ein Schuhschrank“, erzählt der Autor. „Da habe ich zum ersten Mal thailändischen Indie-Pop gehört, der stark vom französischen Chanson beeinflusst wird.“ In Thailand ist er bislang eine musikalische Rarität. Doch gelten die Smallroom-Arrangements in Bangkoks Szene als Geheimtipp.

Kracht ist häufiger Gast im Mini-Studio seiner Freunde. Wenn er dort nicht gerade englische Texte für Werbespots einspricht, krault er Kunpan, den Hund seiner Freunde, und lässt sich in Sachen Thai-Pop aufklären. Als Kracht dann dem Besitzer des Wiesbadener Apricot-Labels, Johannes Schneider, von seiner Entdeckung erzählte, war der sofort beeindruckt. Thai-Indie-Pop, das gab es bisher in Deutschland noch nicht. Die 15 Stücke der Anthologie sind leicht, beschwingt und zum Schmunzeln. Es ist völlig egal, dass man als Europäer die originalen Liedtexte nicht versteht. Denn der einzigartige Sound löst selbst bei jenen, die des Thailändischen nicht mächtig sind, angenehme Gefühle aus. „Die zuckersüßen Melodien sind wie ein Juwel, das im Dunkeln funkelt, sehr inspirierend. Ich höre das besonders gerne beim Kochen“, sagt Kracht.

Manchmal lädt der 36-jährige Schriftsteller zu Privatparties in sein Bangkoker Haus. Dann durchfluten das imposante Gebäude der ehemaligen jugoslawischen Botschaft die „Pralinen“ Siams. Und mittendrin ein zierlicher Blondschopf, der sich wie die teuren „Berluti“-Schuhe in seinem Roman „1979“ vor lauter Exotismus aufzulösen scheint.

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