Kultur : Verführung durch Klugheit

CHRISTOPH FUNKE

Wer die Gesellschaften, in denen sich Menschen organisieren, so unerbittlich sieht wie Peter Palitzsch, dem wachsen im Laufe der Jahrzehnte Nüchternheit zu, Bitterkeit und viel illusionsloses Wissen.Träume, Wunschvorstellungen verwehen - nicht aber der Anspruch an die eigene Arbeit: "Es ist wichtig, daß Theater immer darauf abzielt, die Welt, wie sie ist, zu verändern." Diese Aussage, kürzlich erst in einem Tagesspiegel-Interview gemacht, mag überraschend sein.Widerspricht sie nicht den schmerzlich erworbenen Erfahrungen? Palitzschs Theater bedarf der Stütze durch Ideologie nicht, aber es geht von der Achtung vor dem Menschen aus.Es setzt auf die Verführung durch Klugheit, es will in Brechts Sinn Möglichkeiten schaffen helfen, den nur scheinbar unabänderlichen Gegebenheiten menschlichen Seins zu trotzen.

Palitzsch, am 11.September 1918 in Deutmannsdorf (Schlesien) geboren, ist ein Mann gesammelter, behutsam wägender Ruhe, nicht einer der lauten, schrillen Aufregung.Und doch kennt sein Leben Einschnitte und Umbrüche, mit denen er sich leidenschaftlich in politische und kulturpolitische Kämpfe eingebracht hat.Von Brecht 1952 als schon nicht mehr ganz Junger von Dresden ans Berliner Ensemble geholt, bestimmte Palitzsch dort einen einzigartigen Aufbruch des deutschen Theaters nach dem Zweiten Weltkrieg mit.In der Gemeinschaft der Schüler, unter ihnen Benno Besson, Egon Monk, Manfred Wekwerth, reifte er unter der Leitung Brechts zum Regisseur - eigentlich hatte er ja schreiben wollen, und ein begabter Graphiker (der weltberühmte Ring mit den Großbuchstaben "Berliner Ensemble" ist seine Schöpfung) war er auch.Erste Arbeit: "Der Tag des Gelehrten Wu" mit Carl M.Weber (1955), dann folgten, von 1956 bis 1961, gemeinsam mit Wekwerth "Der Held der westlichen Welt", "Optimistische Tragödie", "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" und "Frau Flinz".Das war, besonders mit der Inszenierung des Gangsterspektakels um die blutige Karriere der Nazi-Größen, der Aufstieg zu Weltruhm.Am 13.August 1961 aber begann die SED-Führung mit Mauerbau und Abriegelung der DDR.Am 1.September teilte Palitzsch aus Oslo seine Entscheidung mit, nicht mehr ans Berliner Ensemble zurückzukehren.

Das BE hätte ihm alle Möglichkeiten geboten, die Karriere wäre gesichert gewesen - dem politischen Regime aber, unter dem das Brecht-Theater arbeitete, versagte der Regisseur die Gefolgschaft.Und war auch in der folgenden Zeit nie darauf aus, sich beliebt zu machen.Er inszenierte im westlichen Deutschland weiter Brecht, trat unbeirrbar für ein Theater ein, das unterhaltender Beliebigkeit den Kampf ansagt.Das patriarchalisch geführte Theatersystem in der Bundesrepublik stellte er heftig in Frage, als er 1972, nach Jahren in Köln und Stuttgart, den Vorsitz des neugegründeten Schauspiel-Direktoriums in Frankfurt am Main übernahm.Es ging, unter heftigen Fehden und trotz unaufhörlicher Angriffe, um ein ganz neues Verständnis von Theaterarbeit.Um konsequente Demokratie im künstlerischen Prozeß, und damit um Hochachtung vor dem Zuschauer.Bequeme Konsumentenhaltung, so war die Absicht, sollte ersetzt werden durch Selbstbewußtsein und Mündigkeit, sowohl der Macher als auch der Zuschauer.1980 verließ Palitzsch das Frankfurter Schauspiel, seitdem arbeitet er als freier Regisseur, unterbrochen nur von der glücklosen "zweiten Zeit" am BE, als Mitglied des 1992 eingesetzten, nur kurzzeitig wirkenden Fünfer-Direktoriums.Palitzsch kann sich nach diesem gescheiterten Versuch nun wieder Zeit nehmen für ruhige Arbeit, in Zürich und Basel gelangen ihm mit Strindbergs "Vater" (1997) und Tschechows "Onkel Wanja" (1998) reife Inszenierungen.

Eine große Freundlichkeit der Grundhaltung, die er an Brecht besonders achtete, kennzeichnet ihn auch selbst.Es ist die Freundlichkeit des Vielerfahrenen, der das Theater als Ort der politischen und sozialen Auseinandersetzung hartnäckig behauptet, mit der Entschiedenheit des Alters und, zugleich, mit einer gelassenen jugendlichen Leichtigkeit.

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