Kultur : Verführungskünste

„Die Zukunft des Lesens“: eine Diskussion in Potsdam

Kerstin Decker

Am Anfang war ein Verdacht: Und was, wenn die Schriftkultur auch nur ein historisches Durchgangsstadium wäre? Vor Gutenberg existierte die orale Gesellschaft, warum nicht 500 Jahre nach Gutenberg bald wieder? Der Verleger Arnulf Conradi hat die Bücherregale voller Videokassetten in der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam genau im Blick und ist trotzdem widerständlerisch gesinnt. Zuzugeben sei der Romanleser als schwindsüchtige Größe, 70 Prozent der Romane würden heute von Frauen gelesen. „Ich hasse das natürlich“, fügt der Verleger an, kein bekennender Verfechter des Frauenromans. Der Zeitungsmacher Giovanni di Lorenzo schaut den Verleger mit einem Frauen?-Männer?-Hauptsache-Leser-Blick an und hofft, dass das große Zeitungs-Paradox sich irgendwann auflösen möge. Noch nie, sagt der Chefredakteur des Tagesspiegel, waren Tageszeitungen so gut wie heute, und noch nie ging es ihnen so schlecht.

Die 14- bis 29-Jährigen lesen fast nie Tageszeitung, weiß der Werbemann René Heymann. Sogar ORB-Intendant Hansjürgen Rosenbauer, von „Welt“-Moderator Wolfram Weimar als Trend-„Gewinner“ betitelt, teilt die Sorge der Print-Menschen: ORB sehen die Jungen jedenfalls auch nicht. Der Intendant gibt sich als Sympathisant des Buches zu erkennen, insbesondere der Anstrengung, ein gutes Buch zu lesen. Der Verleger hält es für üble Nachrede, dass Lesen anstrengend sein soll. Nach einem Abend vorm Fernseher sei er unzufrieden, nach einem Leseabend hingegen zufrieden. Dass Bücher glücklich machen, möge die Werbung doch mal vermitteln. Der Werbemann nickt entschlossen. Der TV-Intendant beharrt indessen darauf, dass Lesen doch anstrengend sei, Tennis sei auch anstrengend und mache trotzdem Spaß. Das Leben, ergänzt di Lorenzo, sei schließlich auch anstrengend.

Nach einem nichtanstrengenden Buch bin ich genauso unzufrieden wie beim Fernsehen, schließt Rosenbauer triumphal. Im Publikum sitzt Günther Jauch, dessen Quiz- Show der „Welt"-Moderator soeben zum Bildungserlebnis gekürt hatte, und blickt Rosenbauer nachdenklich an. Conradi gibt jetzt zum Schein nach, wehrt sich aber gegen den Verdacht, dass es sich beim Fernsehen auch um eine Kulturtechnik handeln könne. Di Lorenzo glaubt, dass die Zukunft der Zeitung in „Verführung und Orientierung“ besteht, während der Verleger darauf beharrt, dass die Verführung gar nicht früh genug beginnen könne. Vorlesen am Kinderbett – eine größere Versuchung zum Buch sei undenkbar.

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