Kultur : Vergangene Macht

FOTOGRAFIE

Bernhard Schulz

Nicht allein das Stadtbild Berlins ist von den Spuren des 20. Jahrhunderts versehrt. Das gilt gleichermaßen für Kapitalen des Ostens, über die die Stürme der Geschichte hinweggefegt sind. Karen Kipphoff , jetzt an der Kunsthochschule in Bergen, beschäftigt sich seit Jahren mit den teils stärker, teils beiläufiger wahrnehmbaren Spuren der Machtausübung im Stadtbild. Berlin, Bukarest, Moskau – das ist ihre Trias, der sie mit dem Blick des ernüchterten Nachgeborenen auf den Leib gerückt ist, desjenigen, der die Ideologien nicht mehr glaubt, sondern nur mehr ihre gebauten Folgen sieht. Ihren Fotografien hat sie das stets gleiche, gestreckte Querformat gegeben; meist handelt es sich um extreme Weitwinkelaufnahmen, die den Rundblick des Spurensuchers nachvollziehbar machen. Sie sind jetzt in dem der aktuellen Fotokunst verpflichteten Kunstverein Genthiner Elf zu sehen (Genthiner Str. 11, bis 8. März, Do – Sa 13-17 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung, 69818631. Schöner Katalog, 11 €). Die Motivwahl der Fotografin ist durchaus eklektisch. In Berlin sieht sie das Ehrenmal Treptow, aber auch die paar Treppenstufen, die vom einstigen Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Schlossplatz übrig geblieben sind, oder gar die albernen Plastikbären, die von der Geschmacksverirrung ihrer Schöpfer künden. Härter geht es in Moskau zu. Da gerät das KGB-Gefängnis Ljubjanka ebenso in den Blick wie die verfallende, einstige Leistungsausstellung der „Volkswirtschaft der UdSSR“ mit der verloren herumstehenden Riesenskulptur „Arbeiter und Kolchosbäuerin“. Am schlimmsten, denkt man, müsste Bukarest aussehen: Doch mild überglänzt hier Sonnenschein Ceausescus irrwitzigen Betonpalast ebenso wie den zerfransten „Platz der Einheit“. Mit anderen Worten, es ist ihrerseits keine Ideologie, die Karen Kipphoff illustrieren wollte, sondern sie zeigt unvoreingenommene Beobachtungen, die erst in der Summe ahnen lassen, wie viel diese drei denn doch östlichen Hauptstädte gemeinsam haben.

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