Kultur : Vergangenheit: Dabeisein ist alles

Peinliche Auftritte gibt es im Deutschen Bundestag alle Tage. Es ist höchstens verwunderlich, wie sehr Spitzenkräfte vom Schlage Wolfgang Gerhardts (FDP) sich in Spitzendiskussionen wie der um Joschka Fischers Vergangenheit noch einmal steigern können. Die Selbstgerechtigkeit quillt ihnen aus jeder Pore, und die Empörung, die sie darzustellen versuchen, hat etwas derart Rumpelstilzchenhaftes, dass sie jede Verbindung zur wirklichen Welt verliert.

So gespenstische Auftritte wie der von Angela Merkel (CDU) aber sind selten. Zum ersten Mal konnten sich Westler vorstellen, wie es Ostlern ergangen sein muss, als ihnen nach der Wende ihre DDR-Geschichte vorgehalten wurde. Lauter korrupte Stasiknechte, dachten manche: unfrei, kleinmütig und für eine ordentliche Demokratie viel zu schade. Worauf sich die Ostler in ihrem Beleidigtsein vergruben und sich jegliche Arroganz verbaten: Was versteht Ihr schon vom Leben im realen Sozialismus?

Wenn Merkel nun Fischer in ein zweifelhaftes Licht rücken will, kann es schon vorkommen, dass von ganz weit her ein flaues Gefühl aufsteigt: Darf die das eigentlich? Wie gut kennt sie den Geist von 1968? Was berechtigt sie, die zu der Zeit, als in Westdeutschland die Steine flogen, womöglich als braves deutsches FDJ-Mädel durch die Uckermark spazierte, zum Urteil über die Frankfurter Sponti-Szene in den siebziger Jahren?

Historiker wissen (und nehmen laufend für sich in Anspruch), dass man nicht dabei gewesen sein muss, um eine geschichtliche Situation angemessen zu beschreiben: Es wäre lächerlich, das zu fordern. Politiker aber verstehen das offenbar gar zu gerne als Freibrief dafür, sich nicht einmal mit den Voraussetzungen einer bestimmten Zeit zu beschäftigen. Als Moralgewinnler wollen sie von der Komplexität menschlichen Verhaltens nichts wissen und tun so, als gäbe es ein Feld von ewigen, auch biografisch unveränderlichen Werten - unabhängig davon, dass Verrat natürlich Verrat bleibt (wenn man an die Stasi-Debatte denkt) und Terror natürlich Terror (wenn man an das Abdriften der offenen 68er-Revolte in den Untergrund denkt).

Jetzt könnten sich Ost- und Westrevolutionäre noch einmal wunderbar miteinander verständigen: über die Möglichkeiten, Druck von der Straße aus zu machen, über den langen Marsch durch die Institutionen, der einige Professoren und andere Politiker hat werden lassen - und darüber, wie es ist, auf einmal schrecklich erwachsen zu sein.

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