Kultur : Vergangenheit in Zwergengröße

Die polnische Galeristin Monika Branicka zeigt die Kunstszene ihres Landes

Simone Reber

„Kunst ist mein Leben“, sagt die polnische Galeristin Monika Branicka. Ihre Verve ist ungewöhnlich für eine Branche, die sich gern so nüchtern gibt wie die weiße Wand im Ausstellungsraum. Vergangenes Jahr hat die 33-jährige Kunsthistorikerin aus Krakau ihren Job als Kritikerin aufgegeben und ist nach Berlin gezogen.

Hier interessiert sich Monika Branicka dafür, wie Kunst die Utopien der Vergangenheit hinterfragt. Derzeit leuchten knallbunte Fotos von Krzysztof Zielinski an den Wänden ihrer Galerie. Für die Serie „Millennium School“ hat der polnische Künstler, Jahrgang 1974, seine ehemalige Grundschule wieder besucht. Die Fassade ist in unfreundlichem Beige gestrichen, innen aber sind Wände und Möbel grün, blau oder rot lackiert. Die Grundschule Nr. 3 entstand in den sechziger Jahren im Rahmen des staatlichen Programms „tausend Schulen“, das als propagandistische Antwort auf die Tausendjahrfeier der Kirche in Polen konzipiert war. Im Keller befand sich ein Bunker für die Sicherheit der Schüler im Kalten Krieg. Zielinski erkundet mit seiner Kamera den Ort, an dem er als Kind zum ersten Mal dem kommunistischen Staat begegnet ist. Aus seinen Bildern spricht Erstaunen darüber, dass jetzt frohe Farben das Pathos von einst verdrängen. Wie bei jeder Reise in die Kindheit ist das Mobiliar der Vergangenheit auf Zwergengröße geschrumpft.

Die Galerie selbst wirkt an manchen Ecken unfertig und macht sichtbar, dass hier noch das Geld für aufwendige Produktionen fehlt. Die Galeristin will mit ihrer künftigen Partnerin Asia Zak eine Stiftung gründen, um Kapital für neue Projekte zu sammeln. Langsam wächst auch in Polen eine Generation heran, die sich für zeitgenössische Kunst interessiert. „Sie merken, dass sie Kunst brauchen“, formuliert es Monika Branicka mit der ihr eigenen Eindringlichkeit. Auch sie selbst braucht den Blick der Künstler auf die Geschichte, um ihre Gegenwart zu verstehen. „Kunst muss mich zum Denken zwingen“, meint Monika Branicka. Demnächst will sie auch jene Generation zeigen, die schon viel früher die manipulativen Mechanismen der Macht ausgelotet hat. Demnächst zeigt sie Arbeiten von Zofia Kulik: Die sechzigjährige Künstlerin ist auf der letzten documenta wiederentdeckt worden. Anders als in Deutschland, wo Maler wie Neo Rauch oder Norbert Bisky in die propagandistische Bildsprache schlüpfen und sie transformieren, aber selbst dahinter verborgen bleiben, beziehen sich die polnischen Künstler persönlich in ihre Arbeiten ein. So wie Zielinski, der seine Erinnerungen an die Schulzeit überprüft, oder wie Robert Kusmirowski, der zuvor in der Galerie einen Computerraum wie aus den 70ern rekonstruiert hat.

„Unser Traum von der Zukunft hat sich nicht erfüllt“, resümiert Monika Branicka. Das hindert sie selbst aber nicht daran, große Träume zu hegen. Im April wird sie mit Asia Zak zur Galerie ZakBranicka fusionieren. Ihre Visitenkarte hat die Galeristin in Stoff weben lassen – wie das Label eines guten Kostüms. Zeitgenössische Kunst aus Polen soll ein Markenzeichen werden, hofft Monika Branicka. Das klingt nicht vollmundig, sondern angenehm uncool. Simone Reber

Galerie Magazin Lindenstr. 35, bis 29. März; Dienstag bis Samstag von 11-18 Uhr.

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