Kultur : Vergehen, verwehen

Dea Loher untersucht Schwebezustände

Jan Oberländer

Noch vor ein paar Tagen schien das Leben des Chevrolet-Fahrers Richard, Protagonist der Titelerzählung von Dea Lohers „Hundskopf“, stillzustehen. Und plötzlich passiert etwas. Da ist der telefonische Mordauftrag, den er annimmt. Der Hund, den er beim Ausprobieren seines Revolvers abknallt und dessen Schädel er im Blutrausch abreißt, heimbringt und blankkocht. Und sein Opfer, an das er seine Auftraggeberin verrät. Richard ist vergnügt: „Es war eines der wenigen Male in seinem Leben, dass er etwas getan hatte, was er nicht von sich erwartet hätte. Und er hoffte, er werde damit durchkommen.“ So schräg ihr Beiklang ist: Dies ist in dem Prosadebüt der in Deutschland meistgespielten jungen Dramatikerin die einzige von acht Geschichten, die zuversichtlich endet. Die anderen Stücke brechen ab, blenden sich aus.

Gemeinsam ist ihnen der Blick unter die Haut, die Suche nach der „Show hinter der Show“. Und immer wieder das Gefühl von Schwebezuständen, Übergängen, leiser Verzweiflung. Die Figuren haben Tabletten im Koffer, den Revolver im Schubfach oder eine Axt „ungenutzt im Block“. Andere Antworten auf ihre Probleme haben sie nicht. Und so ist es nur folgerichtig, dass in den Dialogen, bis auf wenige Ausnahmen, keine Fragezeichen vorkommen. Obwohl es durchaus Fragen gibt: „Wovon soll ich leben?“, „Was ist passiert?“, „Hat sie gesagt, warum?“. Zögernd stehen Lohers Figuren „auf der Schwelle, bereit, hineinzugehen oder hinaus“, und warten darauf, von einer Entscheidung getroffen zu werden – so wie Richard, als er den Anruf erhält.

Dea Loher, 1964 in Traunstein geboren und seit vielen Jahren in Berlin zu Hause, erzählt in einer Sprache, die manchmal etwas zu lyrisch ist, etwas zu viel Stimmung will, wenn die Luft „fett von Schweiß“ ist oder Holz „nach Sonne riecht“. Aber ihr spröder, unruhiger Duktus spiegelt die Mühe, die die Figuren haben in ihren entfremdeten Beziehungen, ihren ratlosen Leben. Mit wenigen Strichen sind sie skizziert: Schemen, die in der unheimlichen Atmosphäre schweben und sich weder entschließen können zu bleiben noch zu verwehen.


Dieses Buch bestellen Dea Loher: Hundskopf. Erzählungen. Wallstein Verlag, Göttingen. 114 Seiten, 16 €.

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