Kultur : Vergessene Tugenden

KNUT EBELING

Es gibt Künstler, die logieren nicht unter vier Sternen.Und es gibt solche, die bevorzugen den echten Sternenhimmel.Zweifellos gehört Esko Männikkö zu den letzteren.Unter den zahlreichen Offerten Berliner Galeristen wählte der finnische Fotograf ausgerechnet den unscheinbaren Hinterhof der Dogenhaus Projekte für seine erste Ausstellung in einer deutschen Galerie - nicht weil Galerist Jochen Hempel dem Finnen das beste Angebot gemacht hätte, sondern weil er bereit war, auf seinem Weg in den hohen Norden in dessen Auto zu nächtigen.

Der schwarze Stern der finnischen Fotografie bestreitet die letzte Ausstellung im Dogenhaus, bevor die Galerie wegen der Sanierung des Hauses auf unbestimmter Zeit ihre Pforten schließt.Männikkö hat sein fotografisches Werk einem einsiedlerischen Menschenschlag gewidmet, der sein Leben zwischen Fischteich und Schrottplatz verbringt.Mit Porträts von Waldarbeitern und Arbeitslosen, Stilleben von Fischen und Vögeln wurde er bekannt.Es war die eigenartige Abgeschlossenheit dieser Bilder, ihre Integrität, die bestach.Man kann darüber sinnieren, was es bedeutet, wenn ein Künstler, dessen Werk auf den ersten Blick zwischen Sozialfotografie und Urlaubsschnappschuß changiert, im Frankfurter Portikus oder im Münchner Lenbachhaus ausgestellt wird.Vor seinen Bildern wird es einem schlagartig bewußt: Männikkö bringt dem Kunstbetrieb fast vergessene Tugenden zurück: Menschlichkeit, Wärme und Charakterfülle.

Jedes Bild ist so kenntnisreich und liebenswert wie aus dem Familienalbum und zugleich so distanziert wie eine Postkarte.In Männikkös Bilder ist alles wie es ist.Daher schlägt die Schlichtheit seiner Bilder in den Kunstrummel ein wie Schweigen in die Börse.Männikkös Kinder auf dem Junkyard sind so einfühlsam getroffen wie bei Käthe Kollwitz, und der sehnsüchtige Blick der Kellnerin hält inne wie bei Edward Hopper.

Man hat Männikkö mit einigen illustren Zeitgenossen verglichen: Gewiß, das Trashige seiner Bilder verbindet den Finnen mit Richard Billingham, dem schamlosen Sozialpornografen, und die Trauer mit seinem Landsmann Aki Karusmäki, dem Chronisten der Desolatheit.Doch am weitesten kommt man, wenn man das Werk Männikkös mit den Seelenlandschaften der Romantiker vergleicht.Es ist nicht nur die Vorliebe für das Ruinöse, die ihn mit ihnen verbindet.Es ist vor allem die Tatsache, daß er jedes Bild - jeden Schrottplatz und jede Pfütze - als Spiegelung seiner Seele sieht.

Alle Motive blicken auf den Betrachter wie der Betrachter auf sie; daher hat man den Eindruck, Männikkö fotografiere immer das Gleiche.Und daher ist es auch verständlich, wenn seine Bilder in der Galerie Dogenhaus - Aufnahmen aus Mexiko - nicht viel anders wirken als die finnischen Motive, die man von ihm kennt.Der Genotypus seiner Bilder ist immer gleich.Männikkö ist einer der verschwiegenen Künstler, die - egal, wo sie hinkommen - immer das Gleiche sehen; doch dieses ist nicht zeigbar.Das Zentrum seines Bildschaffens bleibt verborgen.Daher zeigen seine Bilder eine - ganz unromantische - Erhabenheit.Und das bei 25 Prozent Arbeitslosigkeit.

Dogenhaus Projekte, Auguststraße 63, bis 28.November; Mittwoch bis Freitag 14-18 Uhr, Sonnabend 12-16 Uhr.

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