Kultur : Vergesst die Schnösel!

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SCHREIBWAREN

Steffen Richter ärgert sich

über Generationsklischees

Sie haben einen schlechten Ruf, die Dreißigjährigen. Noch vor kurzem surften sie angeblich als Zeitgeistexperten durch die Verlockungen der Warenwelt und fanden in flotten Zeitungsbeilagen und Pop-Magazinen ihre Tummelplätze. Politisch war mit ihnen schon damals nichts anzufangen. Und nun, in Krisenzeiten, gießen sie jede Menge Katzenjammer über die Verhältnisse aus. Früh vergreist, so geht die Fama, haben sie von Angriff auf Defensive umgestellt und schieben sich die Bälle nur noch im Mittelfeld zu.

Mulmig war mir bei diesem Bild schon längere Zeit. Es ist nicht nett, in eine Phantomgeneration „Golf“ oder dergleichen einsortiert und als Schnösel abgestempelt zu werden. Nun ist die aktuelle Ausgabe des „Kursbuchs“ (Rowohlt) angetreten, der Debatte klarere Konturen zu verschaffen. Am 14.2. werden einige seiner Autoren, darunter Stefanie Flamm, Kerstin Grether, Ijoma Mangold, Marius Meller, Malin Schwerdtfeger und David Wagner, im Roten Salon der Volksbühne das Heft Die 30-Jährigen vorstellen (21 Uhr).

Da gibt es durchaus Larmoyanz und Liebesschmerz, Belanglosigkeiten über Pop-Muttis und junge Väter. Es gibt Rollenprosa, in der die Protagonisten sich mehr verbergen als offenbaren. Was es auch gibt, ist indes die Lust an der sozialen Selbsterkenntnis. Irgendwo lauert sogar eine Art säkularisiertes Bewusstsein von Transzendenz. Das schlägt sich in der Überzeugung nieder, das Leben sei größer als die eigene kleine Biografie.

Meine dreißigjährigen Bekannten können zwar Gucci nicht von Prada unterscheiden. Eigenverantwortung ist für sie aber selbstverständlich. Vom Staat wünschen sie bestenfalls, dass er die Theater subventioniert. Und sie haben Pläne. Denn sie haben früh begriffen, dass der Glaube, alle Desillusionen hinter sich zu haben, nur noch Langeweile produziert.

Wer am Sonntag zu den Dreißigjährigen an die Volksbühne pilgert, sollte unter der Woche unbedingt bei zwei Vierzigjährigen vorbeischauen. Das LCB nämlich wuchert gewaltig mit seinen internationalen Pfunden. Heute kommt kein Geringerer als der Norweger Jon Fosse an den Wannsee (20 Uhr). Lesen wird der in Europa meistgespielte skandinavische Dramatiker aus seiner abgründigen Beziehungs- und Familiengeschichte „Das ist Alise“ (Marebuch Verlag). Und am 12.2. beschreibt der Ukrainer Juri Andruchowytsch ebenfalls am LCB (20 Uhr) die geographische und mentale Topografie seiner galizischen Heimat als „Das letzte Territorium“ (Suhrkamp). Der Ruf dieser Vierzigjährigen ist jedenfalls über alle Zweifel erhaben.

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